München, 29.12.2008: Zwei Städte, die das Laben lieben

Sie sitzen im Biergarten bis in den Winter hinein unter freiem Himmel auf ordentlich um große Tische aufgestellten Bänken, schließen Freundschaften und diskutieren bei einer Maß Bier über alles und nichts. Vom Viktualienmarkt bis zum Fuße des Chinesischen Turms im Englischen Garten veranschaulichen die Biergärten wunderbar, dass München eine gemütliche Stadt ist, die das Leben liebt und in der die Atmosphäre weit von Verdrießlichkeit entfernt ist. Weitere Orte, der die Dynamik von München charakterisieren, sind die Wirtshäuser, diese typisch bayerischen Restaurants, in denen sich die Einwohner der Stadt und vor allem die Touristen jeden Abend treffen, um die leckeren Mahlzeiten der regionalen Küche zu genießen. Hier tauscht man sich bei einem Knödel oder einer Bratwurst, immer begleitet von einem guten Bier, aus und diskutiert in sehr geselliger Atmosphäre.
Man stellt vor allem fest, dass München das Leben liebt… Wie auch Abidjan. Im Wirtschaftszentrum und Regierungssitz der Elfenbeinküste genießt man das Leben ebenfalls in vollen Zügen. Münchens Biergärten und Wirtshäuser erinnern an die Maquis von Abidjan, diese großen Bars unter freiem Himmel, vor denen es in dieser Stadt nur so wimmelt. Hier findet man, wie in den Biergärten auch, heimisches, aber auch importiertes Bier, vor allem aus den Niederlanden und aus … Deutschland! Wie in den Wirtshäusern genießt man in den Maquis kulinarische Spezialitäten der Elfenbeinküste, unter anderem Attiéké (ein Gericht aus Maniokgrieß), Foutou (der Knödel der Elfenbeinküste, der aber aus Kochbananen hergestellt wird), zu denen verschiedene Saucen gereicht werden. Wie auch in den Biergärten und Wirtshäusern ist die Stimmung hier herzlich: Man plaudert und hat Spaß.
Jedoch sind die Maquis in Abidjan und die Wirtshäuser sich nicht so ähnlich wie die zwei Türme der Frauenkirche. Während es im Gasthaus in München ruhig ist, dröhnt in Abidjan die Musik mit voller Lautstärke. In den Maquis verbreiten riesige Verstärkeranlagen eine Lautstärke, die das Trommelfell zerplatzen lässt. Zudem schmettern DJs Loblieder auf Gäste, die für vermögend gehalten werden oder aus einer gehobenen sozialen Schicht zu kommen scheinen. Das Ziel dieses Spiels? Ihnen etwas Geld aus der Tasche zu ziehen. Es ist eine Tradition in Afrika, dass man, wenn ein Griot, ein Volkssänger, ein Loblied auf einen singt, ihm ein bisschen Geld zusteckt.
Die Maquis in Abidjan ähneln auch Nachtclubs. So zögern junge Mädchen nicht, bei einem Bier einige Schritte der Tänze, die in sind, anzudeuten. Das lässt sich bei einem Großteil als Schwingen der Hüften beschreiben. Die Atmosphäre ist in jedem Fall elektrisierend. Abgesehen davon stimmen Abidjan und München bei diesen Orten in ihrem Wunsch überein, die Annäherung zwischen jenen, die in ihrer Stadt wohnen und jenen, die sie besuchen, zu fördern. Zwei sehr einladende Städte, die sich wirklich annähern sollten. Warum nicht über eine Städtepartnerschaft? Zwei Städte, die das Leben und das Laben lieben.
veröffentlicht am 29.12.2008 in der Süddeutschen Zeitung.