München, 9.1.2009: Lieber ein Bier im Freien

Ein Sonntagnachmittag: das Stadtmuseum im Herzen von München. „Ich interessiere mich für alles Vergangene. Ich bin hier, um alles über die Entwicklung dieser Stadt zu erfahren“, meint Fredericke Fischer, eine junge Studentin. Im Erdgeschoss erinnert ein riesiges Plakat daran, dass das neugestaltete Museum erst im Juni 2008 eingeweiht wurde. Gleich neben dem Empfang wird ein Miniaturmodell der Stadt aus Holz zur Schau gestellt. Dort erkennt man mit Begeisterung und Staunen, was die Qualität des Werks angeht, die Zwillingstürme der Frauenkirche, die den Marienplatz überragen, das Neue Rathaus, den Fluss Isar, der an den berühmten Englischen Garten angrenzt, und nicht zuletzt den Bayerischen Landtag.
Im Gegensatz zu München verfügt Abidjan leider nicht über ein städtisches Museum. Die Stadt hat überhaupt nur zwei Museen. Eines ist der zeitgenössischen Kunst gewidmet und zeigt Aus¬stellungen plastischer Künstler, das andere, bekanntere der beiden vereint Objekte und Werke des kulturellen Erbes der Elfenbeinküste unter seinem Dach. Es heißt „Museum der Zivilisationen“ und liegt mitten in Abidjan, genau auf dem „Plateau“, dem Geschäftsviertel. In diesem Museum findet man Masken aus verschiedenen Regionen des Landes, Statuen, Schmuck (Colliers, Ohrringe, Ketten, Armbänder), traditionelle Kleidungsstücke, Königsthrone und viele andere Objekte, die an Tradition und Kultur der Elfenbeinküste erinnern. Das heißt: Sie könnten daran erinnern. Denn der Andrang ist gering, es gibt immer weniger Besucher. Die Besucherzahlen gehen nicht über etwa zwanzig Personen pro Woche hinaus. Im Stadtmuseum: Im Königssaal in der ersten Etage befindet sich das neue München. Gemälde präsentieren die Hauptstadt Bayerns im Jahr 1854, also während des 19. Jahrhunderts. Man sieht eine Stadt in voller Blüte mit Prachtstraßen wie der Maximilianstraße oder riesigen Gebäuden, die Athen, der Hauptstadt Griechenlands, ähneln sollen. An einer Wand erinnert ein Zitat des zu dieser Zeit herrschenden bayerischen Königs Ludwig I. kraftvoll an die Entschlossenheit des Letzteren, München zu einer prestigeträchtigen Stadt in Europa, ja sogar auf der ganzen Welt zu machen: „Ich werde nicht ruhen, bis München aussieht wie Athen.“
In der zweiten Etage wird im Monachiasaal ein anderes München gezeigt, das neben der Liebe zur Kunst auch eine ausgeprägte Vorliebe für Bier hat. Auch seine Liebe zu diesem Getränk erhebt München zur Kunst. Rund um ein riesiges Bierfass kann man Fotografien des modernen München entdecken. Eine der Attraktionen im Monachiasaal ist zudem das rot ein¬gebundene Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler mit einer Fotografie des Autors sowie einer weiteren Fotografie, die die Begeisterung der Öffentlichkeit anlässlich einer Veranstaltung zu seiner Widmung 1925 zeigt.
Eine weitere großartige Sehenswürdigkeit des Stadtmuseums ist der Saal, der die Marionetten beherbergt. Und Obacht: Unerwartete Spektakel erwarten den Besucher, wie der riesige Gorilla, der plötzlich entfesselt wird, wenn er menschliche Wärme „spürt“, oder der Blutspucker. Überraschend und erbaulich wie er ist, wird er auf jeden Fall den Kindern einen kleinen Schrecken einjagen.
Im Gegensatz zu den Münchnern, die gelegentlich ihren heiligen Ruhetag, den Sonntag, opfern, um ins Museum zu gehen, gehen die Bewohner Abidjans den Museen aus dem Weg, ziehen die Diskotheken, Bars und die „Maquis“, den berühmten Getränkeausschank unter freiem Himmel, vor. Selbst die Kunstliebhaber reißen sich nicht darum, ins Museum zu gehen. Sie ziehen Galerien und Vernissagen vor. In Abidjan gibt es keine Museumskultur. Nur wenige Menschen interessieren sich für die beiden Museen der Stadt, die Würdenträger der Stadt eingeschlossen.
So unterschiedlich können Städte sein: In München liebt man die Museen, in Abidjan meidet man sie.
veröffentlicht am 9.1.2009 in der Süddeutschen Zeitung.