München, 8.11.2008:
Zwei Städte, zwei Fußballleidenschaften

Abidjan und München - zwei Städte, in denen Fußball großgeschrieben wird. Beide haben große Stadien, die als Schauplatz wichtiger Fußballereignisse dienen. München ist stolz auf seine prächtige „Allianz Arena“ mit ihren 69.000 Sitzplätzen. Abidjans Begeisterung für sein Félix-Houphouët-Boigny-Stadion mit 50 000 Plätzen steht dem in nichts nach. Das Stadion trägt seit mehr als dreißig Jahren den Namen des ersten Präsidenten der Elfenbeinküste, der das Land am 7. August 1960 sogar in die Unabhängigkeit geführt hat. Obwohl es in beiden Großstädten viele Fußballbegeisterte gibt, leben sie ihre Leidenschaft für diese Ballsportart auf ganz unterschiedliche Weise aus. In München sind die Fußballfans etwas passionierter, ja sogar begeisterungsfähiger. Im Gegensatz zu Abidjan, wo die Menschen normalerweise nur zufrieden sind, wenn die Mannschaft ausschließlich gute Ergebnisse in Folge erzielt.
Beim Spiel zwischen 1860 München und Koblenz am Mittwoch war zwar nicht viel los in der Allianz Arena, was wohl darauf zurückzuführen war, dass es sich bei der Mannschaft um einen Zweitligisten handelt (was weniger Begeisterung auslöst) und dass der Mittwoch zudem ein Werktag (und für die Fans damit ein Arbeitstag) war. Das tat der Stimmung jedoch keinen Abbruch. Die Fans der zweiten Münchner Mannschaft feuerten ihre Mannschaft 90 Minuten lang an. Das ist selten in Abidjan, wo die Anhänger nur hin und wieder reagieren. Sie applaudieren, wenn der Mannschaft eine Bravourleistung gelingt oder natürlich wenn sie ein Tor schießt. Sie tanzen und singen niemals während der gesamten Dauer des Spiels. Ganz im Gegenteil: Wenn ihre Mannschaft eine offensichtliche Torchance vergibt schimpfen sie und beleidigen den Spieler, der den Patzer zu verantworten hat. In Abidjan reagieren die Fans zu impulsiv und nervös, wenn nicht sogar überzogen. Wenn die Mannschaft zwei schlechte Ergebnisse in Folge erzielt, packt die Fans die kalte Wut. Für die Spieler ist es daraufhin manchmal schwer, das Stadion zu verlassen. Es kommt vor, dass sie das Stadion nach einem enttäuschenden Spiel unter starkem Polizeischutz verlassen. Und viele der Fans gehen nicht mehr ins Stadion, solange die Mannschaft keine weiteren Siege vorweisen kann.
In der Allianz Arena erhob das Publikum am Mittwochabend, als ein Spieler von 1860 München beim Dribbeln scheiterte und der Gegner ihm den Ball abnahm, nur ein wenig die Stimme, um dies zu bedauern, feuerte den Spieler jedoch gleich danach wieder an. „Wir müssen hinter unserer Mannschaft stehen. Sie darf Fehler machen, aber ohne unsere Unterstützung kann sich die Mannschaft nicht nach vorne spielen“, meint Karl, ein jugendlicher Fan von 1860 München. Dennoch sind die Fans in Abidjan und München nicht nur in den Fußballstadien „Gegner“, sondern auch außerhalb der Stadien.
Donnerstag, 30. Oktober, 12.15 Uhr. Die Zentrale des FC Bayern München in der Säbener Straße wird von über hundert treuen Fans des herausragenden bayrischen Vereins belagert. Es sind etwas mehr als 200 Menschen, die Jürgen Klinsmann und seinen Spielern beim Training zuzuschauen. Einige halten Trikots oder Autogrammkarten mit Bildern der FC-Bayern-Spieler in den Händen und hoffen auf ein Autogramm ihrer Idole, während andere, die Augen fest am Objektiv ihrer Digitalkamera, ein Bild nach dem anderen von den zwölf Spielern des FC Bayern machen, die sich auf dem Spielfeld unter dem aufmerksamen Blick von Trainer Klinsmann aufwärmen. Unter diesen Spielern, bei denen es sich um Ersatzspieler handelt, erkennt man Daniel Van Buyten. Die Stars Ribéry, Klose, Van Bommel, Ze Roberto, Lucio, Demichelis, um nur einige zu nennen, fehlen jedoch. Den Fans ist das egal. Sie sind froh, hier zu sein. „Ich freue mich riesig, die Spieler meiner Lieblingsmannschaft zu sehen“, jubelt Klaus, ein zehnjähriger Junge, der von seiner Mutter begleitet wird. Die weiblichen Fans sind ebenfalls vertreten, und zwar zahlreich. „Wir finden den FC Bayern toll. Wir leben nur für diesen Verein“, beteuern etwa Erika und Sandra, die Fotos hinter der Sicherheitsabsperrung machen.
Plötzlich taucht Philip Lahm in Zivilkleidung auf. Hysterie bricht aus. Die Fans kreischen, drängeln sich nach vorne, um ein Autogramm zu ergattern. Der linke Verteidiger des FC Bayern nimmt sich gerne Zeit und spielt das Spiel mit, bevor er sich davonmacht. Die Blicke der Fans wenden sich erneut dem Spielfeld zu, wo sich die Spieler von Klinsmann in zwei Sechsergruppen ein heiß diskutiertes Spiel liefern, während einige nach der Ankunft eines weiteren Stars der Mannschaft Ausschau halten oder in Ruhe ins „Servicecenter“ des FC Bayern gehen, um dort einen der Fanartikel des Vereins zu erstehen.
Erstaunlicherweise findet man hier Menschen, die wirklich für ihre Mannschaft leben. Diese Art von Fans findet man in den Straßen von Abidjan nicht, auch wenn es sie an der Elfenbeinküste natürlich auch vereinzelt gibt. Im Gegensatz zu München bevorzugen es die Frauen dort, zur Kosmetikerin zu gehen, um sich hübsch zu machen, anstatt Zeit damit zu „verschwenden“, einer Fußballmannschaft beim Training zuzusehen. Sonntags, an den Spieltagen in Abidjan, reißen sie sich ebenfalls nicht darum, einen Platz auf der Tribüne zu ergattern. Abgesehen von den äußerst seltenen Exemplaren weiblicher Fußballfans sind diejenigen, die man im Allgemeinen in den Stadien antrifft, dort, um Saft, Getränkedosen und Sandwiches zu verkaufen. Sie gehen ins Stadion, um zu verkaufen, nicht, um eine Mannschaft anzufeuern. Für sie sind die Fußballspiele eine interessante Gelegenheit, gute Geschäfte zu machen. Da siegt der Geschäftssinn schnell über die Leidenschaft.
veröffentlicht am 8.11.2008 in der Süddeutschen Zeitung.