Frankfurt

Frankfurt 17.12.2008: Mehr als Unterdrückung

 © Skyline von Frankfurt

Nach seiner Beteiligung an den Vorbereitungen für die Frankfurter Buchmesse 2004, bei der die Arabische Welt Gastregion war, spürte der palästinensische Verleger Allawi eine große Enttäuschung. Die arabischen Teilnehmer an der Messe, die als Brücke zwischen den beiden Kulturen dienen sollte, waren bei den Vorbereitungen unpünktlich und hielten Fristen selten ein, was zu einem Chaos führte. Auch war das Angebot arabischer Bücher nicht gerade vielfältig. Übersetzungen aus dem Arabischen existieren kaum.

Aus diesen Gründen sieht Allawi, ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der PLO in Köln, die Notwendigkeit, die Arabische Welt dem Land Goethes durch Romane, Gedichte, Kritiken und Studien näher zu bringen. Er wechselte sein Tätigkeitsfeld von der Politik zur Kultur. Die arabische Literatur könne ein authentisches Bild der Arabischen Welt vermitteln und Ähnlichkeiten beleuchten.

Deutsche sprechen viel über das Bild der Muslime oder Araber - dabei wird kaum zwischen beiden differenziert. Sie sprechen über das Bild der Terroristen, Analphabeten, Tyrannen und der Unterdrückten, die unter Ungerechtigkeit und Folter leiden. Ebenso über das der Frauen, Intellektuellen und Bürger, die sämtlicher Rechte beschnitten werden. Diese Darstellung pflegen die Medien, wobei ausschließlich Vorurteile und Stereotype bedient werden.

Auf die Frage, warum in seinem Verlag ausschließlich Frauenliteratur veröffentlicht werden soll, antwortet der seit 40 Jahren in Deutschland lebende Allawi: „Damit sichern wir die mutige arabische Frauenliteratur. Diese Literatur unterliegt weniger der inneren Zensur, als die Männerliteratur. Männer wollen unsere schmutzige Wäsche nicht öffentlich zeigen.“ Der grauhaarige junge Mann setzt fort: „Frauen schreiben über Probleme und Ängste, die von den Männern in der patriarchalischen Gesellschaft nicht wahrgenommen werden.“ Er hält die arabische Schriftstellerin für politisch mutiger. Es fänden sich Anspielungen in der Frauenliteratur, „die von der Zensur nicht erfasst werden, ohne dass wir den Grund dafür kennen“.

Die Frau als Kulturträgerin

Sein Verlag, dessen erste Veröffentlichung im Mai 2009 erscheinen wird, setzt auf die besondere Rolle der Frau als Mutter, Erzieherin und Kulturträgerin. Er übergibt der Frau als kreativer Schriftstellerin eine Verantwortung, als Botschafterin, Pionierin und Vermittlerin der arabischen Kultur zu fungieren. Der Verlag, der an der letzten Frankfurter Buchmesse teilnahm, veröffentlicht Übersetzungen von Romanen, Gedichten, Kurzgeschichten, Theaterbüchern und Literaturstudien. Frauengeschichten wird das Interesse in den ersten zwei Jahren gelten, später sollen andere Bereiche angesprochen werden. Zur Zeit werden Verhandlungen mit Schriftstellerinnen aus verschiedenen arabischen Ländern geführt.

Allawi fügt hinzu, dass sich sein Verlag nicht für sexistische oder populistische Literatur interessiere. Diese Stereotype sind offensichtlich attraktiv, da sie Fragen zum Kopftuch, zur Diskriminierung und Unterdrückung in den Mittelpunkt rücken. Wie er haben viele Araber den Markt für das arabische Buch in Europa ermittelt: „Die Anzahl der arabischen Bücher, die ins Deutsche übersetzt werden, beträgt nicht mehr als sechs oder sieben Werke jährlich. “ Dazu gehören auch Werke von Autoren wie Rafik Schami, die auf Deutsch schreiben. Allawi sieht in der Übersetzung arabischer Bücher aus einer zweiten europäischen Sprache eine Gefahr für das arabische Kulturprodukt. Auch würden Bücher aus Nordafrika, auf Französisch geschrieben, ins Deutsche übersetzt und hier als Übersetzungen von arabischen Büchern verkauft. Darin liege die Gefahr des Verlusts der Besonderheit der arabischen Sprache mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten, schönen Bildern und Metaphern. Die meisten Übersetzer spezialisieren sich auf Dolmetschen oder auf Presseübersetzungen. Es sei mühsam, einen kompetenten Übersetzer zu finden.

Die Auswahl der Schriftstellerinnen und der Texte trifft eine Kommission, die aus Allawi und den syrischen Kritikern Raschid Issa und Dalal Al-Maqari besteht. Natürlich weiß er: „Die Gründung eines Verlags in Europa als Initiative eines älteren Herrn ist ein wahres Risiko. “ Es sei aber notwendig, die Fehler der Politik bei der Darstellung der Arabischen Welt und ihrer Fragen zu korrigieren. Dazu sei auch die Zusammenarbeit mit deutschen Verlagen nötig. Allawi zielt beim Verkauf seiner Bücher auf die deutschen Frauen als Publikum ab, die lesen mehr als die Männer und neugierig sind, die Bücher von Frauen aus anderen Gesellschaften kennen zu lernen.

Rana Najjar,
veröffentlicht am 17.12.2008 in der Frankfurter Rundschau.

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