Frankfurt 3.12.2008: Im Galopp übers Dach
Die U-Bahn hält an der Haltestelle Lokalbahnhof. Es ist 12 Uhr mittags, Sonnenstrahlen kriechen durch die Luft und sehen aus wie Spinnennetze. Die Kälte durchdringt meinen dicken Mantel. Die Temperatur liegt unter fünf Grad. Ich reibe meine Hände, da lächelt mein Kollege Felix und erzählt was von „schönes Wetter heute, es ist nicht zu kalt“.
Ich denke, dass er sich einen Scherz erlaubt. Er bemerkt die Verwunderung und erklärt, diese goldenen Fäden seien ein Geschenk des Himmels, an Herbsttagen in Frankfurt. Er stellt meinen schweren Koffer auf den Boden und rät, nicht ohne eine Mütze, die meine Ohren bedeckt, und den Schal, der meinen Hals vor dem kalten Wind schützt, raus zu gehen.
Die Nacht bricht in der ruhigen „Bankenstadt“ herein. Die Temperaturen sinken langsam, im Takt der Uhrzeiger. Todesstille umgibt mich, leer scheint der Raum um mich herum, nicht mal Insekten hört man. Die Bäume an den Straßen stehen aneinandergereiht wie Soldaten im Kampf. Ihre gelben Blätter bedecken die Bürgersteige wie ein Teppich und verhüllen die Autos wie eine Schutzdecke gegen plötzlich hereinbrechendes Unglück. Der pfeifende Wind warnt vor einem Schneesturm. Nur die Geräusche der Züge vom Bahnhof, der meinem Fenster gegenüber liegt, vermitteln ein Lebenszeichen von Menschen, die sich an diesem Ort bewegen.
Meine Augen halten diese Beobachtung nicht mehr aus. Es ist, als würden sie einen Stummfilm aus den Zwanziger Jahren anschauen. Über der Szene vor mir liegt eine spannende, gleichzeitig unheimliche Spiritualität, die viele philosophische Fragen in den Sinn ruft, auf die der Kopf keine Antwort zu geben vermag. Ich ziehe den Vorhang zu und gehe hin und her, in der Hoffnung, dass meine Bewegung die Langeweile der späten Nachtstunde vertreibt.
„Mein Gott, Pünktlichkeit!“
Ich zögere, das Hotel zu verlassen und frage den Angestellten an der Rezeption, ob Überfälle oder Belästigung in der Nacht oft vorkommen. Der junge Mann iranischer Herkunft runzelt die Augenbrauen, lächelt und sagt: „Sie sind hier in Frankfurt und genießen Sicherheit, wohin sie auch gehen.“ Eine verlassene Straße streckt sich vor mir aus, weiße Linien trennen die Autofahrstreifen von denen für Räder und für Fußgänger und ihre Hunde. Das Licht der Laternen hilft meinem rechten grünen und dem linken braunen Auge bei der Suche nach einem Zigarettenstummel, einer Schokoladenpackung oder einem Papierschnipsel. Es muss wohl ein Staubsauger da gewesen sein und die Straße von Abfallkrümeln befreit haben.
Regentropfen fallen mild herunter, der Wind reibt meine Wangen mit eisiger Kälte ein. Der Frost lässt mich kaum atmen. Den Geruch des Regens kann ich nicht wahrnehmen. Riecht der Regen an diesem sauberen Ort überhaupt? Durch meinen Kopf schweben Gedanken von den Heiligtümern der deutschen Gesellschaft: Gesundheit, Sauberkeit, strenge Ordnung, Genauig- und Pünktlichkeit. Oh mein Gott, Pünktlichkeit und strenge Ordnung. Allein der Gedanke daran lässt mich zittern. Mich beschäftigt die Anpassung an bestimmte „heilige“ Normen, die ich zu umgehen pflegte. Mein Leben lang schon kämpfe ich mit der Zeit, und bin ihr stets unterlegen. Die Ampel leuchtet grün. Ich beeile mich, damit ich den Weg zur anderen Straßenseite schaffe, ehe die dafür berechneten Sekunden vor mir gewinnen.
Drüben riecht es nach gegrilltem Hotdog. In diesem Moment steigen Worte des Dichters Talal Heider an mein inneres Ohr: „Die Zeit, die Zeit, mein Liebster, hat keine Zeit zu warten.“ Ich fühle mich wie dieser hastige Vers. Mein Körper verwandelt sich in ein arabisches Pferd, das über den Hausdächern dahin galoppiert. An den beleuchteten Fenstern vorbei, die wie Streichholzschachteln aussehen. Es beobachtet heimlich ein Ehepaar, das sich nach einem langen Tag umarmt. Es träumt mit den Kindern, deren prächtige Schlafzimmer schöne Gutenachtgeschichten für einen ruhigen Schlaf erzählen. Es wünscht sich, es könnte sie den Wänden der einfachen Wohnungen entreißen. Es lauscht dem Klang der Musik, die nach außen dringt. Es bemitleidet eine alte Dame, die alleine in der Nacht sitzt und das schwarze Fell ihrer Katze streichelt.
Das Beobachten anderer ist ein Hobby, seit der Kindheit liebe ich es, hinter Glasscheiben zu schauen. Es ist ein Hobby, dem ich lange Zeit nicht mehr nachgehen konnte. Meine Arbeit und die Cafés und Kneipen Beiruts ließen mir keine Zeit dafür. Darüber hinaus lassen die hohen Häuser und die engen Straßen kaum Raum für das heimliche Beobachten anderer Leute.
Frankfurt entführte mich in die Nächte meiner Kindheit auf dem Dorf im libanesischen Gebirge. Da gehörte die Zeit ganz mir, ich beobachtete den Mond und die Sterne und wartete auf die Morgendämmerung. Diese Stadt hier rief ein Gefühl in meine Erinnerung, das ich in meiner Heimat vermisse. Ihre Stille gewährt schöne Langeweile, die ich begehre, eine Langeweile, die jeder vermisst, der sich darin verliert, wert- und genusslosen Stunden hinterher zu jagen.
veröffentlicht am 3.12.2008 in der Frankfurter Rundschau.