Frankfurt 27.11.2008:
Spendable Deutsche - Hundeleben im Luxus
Jeden Tag steht Paula um sieben Uhr auf, drei Stunden ehe sie zur Arbeit geht. Sie bereitet für ihren verwöhnten Freund „Eins“ sein Spezialgericht vor und begleitet ihn auf einem Spaziergang im Viertel oder im Park nebenan, damit er sich entspannt und seine Notdurft verrichtet. Danach geht sie mit ihm nach Hause, wo er Musik hört oder sich einen Spezialfilm für Hunde seiner Eliterasse der Deutschen Schäferhunde anschaut.
Eins benimmt sich wie ein braves Kind, das die Anweisungen seiner Eltern stets befolgt. Auf der Straße läuft er immer an der richtigen Straßenseite, macht sein Geschäft an der richtigen Stelle und schaut Paula an, wenn er fertig ist. Daraufhin beseitigt Paula das Geschäft und packt es in eine Tüte.
Eins sei alles in ihrem Leben, sagt Paula, indem sie ihm den Mantel anzieht, der ihn vor der beißenden Kälte schützen soll. Sie sind auf dem Weg nach Frankfurt, wo sie an Paulas arbeitsfreiem Tag shoppen gehen wollen. Dort besucht Eins seinen Schwimmunterricht bei einem Speziallehrer, der gewöhnlich dreimal die Woche stattfindet. Danach geht er zum Friseur, da er zu einer Abendveranstaltung eingeladen wurde, bei der der schönste und klügste Hund gewählt wird.
Eins hat eine lange Einkaufsliste: Abgesehen vom Futter braucht er Zahnpasta, Shampoo, Pflegemittel für ein weiches und duftendes Fell, einen neuen Esstisch, eine neue Krawatte und neue Anziehsachen für die Silvesterfeier. Paula vergisst bei keinem Anlass, das Zimmer ihres Hundes entsprechend zu schmücken und mit ihm und seinen Freunden zu feiern.
„Er hat liebe Freunde, die auf dem gleichen Niveau stehen wie er, vor allem was die Sauberkeit anbetrifft“, sagt Paula und fügt hinzu: „Ich würde es nie zulassen, dass sich Eins mit Straßenhunden befreundet, denn ich habe mir bei seiner Erziehung große Mühe gegeben, und er liebt mich und respektiert meine Meinung.“
Kein Zweifel, Eins führt ein luxuriöses Leben, das keinem Kind einer libanesischen Familie aus der Mittelschicht ermöglicht wird. Der Hund kostet Paula ungefähr 1.000 Euro monatlich, das Dreifache des Mindestlohns im Libanon. Darüber hinaus genießt er die Demokratie - zumindest bei der Wahl des schönsten und klügsten Hundes seiner Rasse.
Doch nicht nur: Vor einigen Tagen demonstrierten 100 Personen mit ihren Hunden vor dem Hessischen Rundfunk im Dornbusch, weil die Sendung „Herrchen gesucht“ abgesetzt wurde. In Deutschland leben fünf Millionen Hunde, davon allein 13.500 in Frankfurt. Tendenz steigend. Hundezucht, - abrichtung und alles rund um den Vierbeiner ist entsprechend lukrativ. In Goethes Land gibt es 100.000 Arbeitsplätze rund um den Hund, eine Branche, die jedes Jahr fünf Milliarden Euro Umsatz einbringt.
Laut Statistik bevorzugen die Deutschen reinrassige Hunde, sie machen etwa 66 Prozent aller Hunde aus, kosten aber unter Umständen mehrere hundert oder gar weit über 1.000 Euro. Mischlinge werden häufig verschenkt. Es vergeht keine Minute auf den ruhigen Straßen Frankfurts, ohne dass man einen Hund sieht, der ganz treu in Begleitung seines Besitzers oder seiner Besitzerin in aller Sicherheit spazieren geht.
Das Halten von Hunden gehört zur deutschen Tradition, trotzdem ist es für Fremde verwunderlich, dass die Hunde so eine exponierte, traumhafte Stellung im Straßenbild einnehmen. Traurig ist aber die Tatsache, dass die meisten Kinder in der Dritten Welt einschließlich der arabischen Länder nicht das Interesse und den Luxus genießen, der den Hunden in Deutschland ermöglicht wird.
Es wäre nicht abwegig, wenn der Mensch sich wünschen würde, als Hund in Deutschland geboren zu werden, anstatt als einer von vielen am Rande der Gesellschaft in unseren Ländern zu leben.
veröffentlicht am 27.11.2008 in der Frankfurter Rundschau.