Berlin, 12.11.2008: Zum Gral in Bischofswerda
Nun, es ist eben Sonntagmorgen. Ein kühler und nebeliger noch dazu. Gerade hat die Turmuhr des Rathauses acht geschlagen. Offenbar noch zu früh, um Menschen auf dem Kirchgang zu begegnen. Außerdem ist es sonntagmorgens auch in größeren Städten oft ruhig. Vielleicht ist es an normalen Werktagen anders? Ich kann nur mutmaßen.
Freilich ist es kein Zufall, dass mein zweiter Besuch in dieser verschlafenen sächsischen Stadt mit ihren knapp 15.000 Einwohnern auf ein Wochenende fällt. So hatte ich es mir ausgemalt, aus Gründen der Sentimentalität. Heute Morgen war ich um halb sechs wach, und das Herz floss mir über vor Dankbarkeit, dass ich dieses Jahr wieder hierher kommen konnte.
Gleich einem Schlafwandler folge ich einem inneren Impuls und eile vom Marktplatz die Kirchstraße hinunter. Erste Station: die Kirche, deren Türme hoch über den Dächern der Stadt aufragen. Bestimmt hätte ich sie sehen können, hätte ich mich weit genug aus einem meiner Mansardenfenster im Hotel Evabrunnen gereckt. Nach einigen Aufnahmen mit meiner Digitalkamera laufe ich weiter zum Haus Gambrinus. Es liegt direkt an der Kreuzung von Kirchgasse und Kirchstraße. Im oberen Stock des blassrosafarbenen alten Hauses erblickte ein für mich wichtiger - der Mehrzahl der Menschen aber wohl unbekannter - Schriftsteller das Licht der Welt, als jüngster Sohn einer mittelständischen Familie. Hier belebte das Getrappel seiner Kinderfüße die anheimelnden Räume, darunter, im Erdgeschoss, führten seine Eltern ein Gasthaus.
Am 18. April 1875 unter dem Namen Oskar Ernst Bernhardt geboren, schrieb er seine Bücher, die mein Leben verändern sollten, später unter dem Pseudonym Abd-ru-shin (persisch für „Diener des Lichts“). Sein Hauptwerk Im Lichte der Wahrheit - Gralsbotschaft, das Wege zum Verständnis spiritueller Fragen öffnet, ist eine Sammlung von 168 Vorträgen in drei Bänden. Viele Leser (davon rund 10.000 in Nigeria, wie es scheint wesentlich mehr als hierzulande) haben aus diesem Werk unermessliche Kraft gezogen. In Nigeria gibt es sogar mehrere Andachtsstätten für seine Anhänger. Abd-ru-shin, der jeden Personenkult ablehnt, spricht den Einzelnen als Individuum an, unabhängig von seiner Weltanschauung, Rasse oder Nationalität. Seine Botschaft beruht auf der völligen Selbstverantwortlichkeit eines jeden. Aufgrund dessen ist eine stellvertretende Sündenübernahme - beispielsweise durch den Kreuzestod Christi - nicht möglich. Die Interpretation seines Werkes soll unabhängig von äußerlichen Einflüssen erfolgen. Kein Priester, keine religiöse Instanz steht zwischen dem Gläubigen und Gott. Vieles, was in der Gegenwart als Ungerechtigkeit erscheint, wird durch die Idee der Reinkarnation relativiert.
Die Gralsbewegung, die weltweit aus dem Kreis seiner Anhänger hervorgegangen ist, ist eine lose Verbindung Gleichgesinnter, die die Schriften Abd-ru-shins wertschätzen. Seit meiner Entdeckung dieses Werks habe ich als Mitglied der Bewegung immer den tiefen Wunsch gehabt, diesen Ort jedes Mal zu besuchen, wenn die Pflicht mich nach Deutschland ruft.
Nun wissen Sie, warum das Haus Gambrinus, und damit Bischofswerda, ein wichtiges Reiseziel für mich geworden ist. Die Renovierung und Instandhaltung des Hauses ist dem Einsatz der Internationalen Gralsbewegung (mit Hauptsitz in Österreich) zu verdanken.
Nach einer Teestunde bei den Glitzners in der Wohnung nebenan mache ich mich wieder auf den Weg zum Bahnhof, beseelt von dem Wunsch, bei jeder möglichen Gelegenheit in diese kleine sächsische Stadt zurückzukehren.
veröffentlicht am 12.11.2008 in der Berliner Zeitung.
Foto „Wahrzeichen Oberbaumbrücke in Berlin“ © N-Schmitz / PIXELIO