Berlin, 29.10.2008: Ein Kaktus, der in der Wüste blüht
Die Bilder kommen aus Afrika, soweit so richtig. Vor allem aber handelt es sich um die Werke von elf afrikanischen Fotografinnen und Fotografen, die nicht einfach nur Afrika zeigen, sondern auch dessen Perspektiven. Die Ausstellung Spot On … Bamako (VII. Rencontres Africaine de la Fotografie), kuratiert durch den nigerianisch-
stämmigen Fotografen Akinbode Akinbiyi, zeigt einen Schnappschuss eines afrikanischen Kultur-Events, das bereits zum siebten Mal stattfand.
Nicht, dass je Zweifel an der Herkunft der Aufnahmen bestanden hätten. Doch Simon Njami, Kurator der letzten Bamako-Biennalen, legte in seiner Einführung Wert darauf, die Werke als das zu bezeichnen, was sie wirklich sind: Fotografien von Afrikanern, nicht afrikanische Fotografien.
Leider ist der Kontinent trotz seiner reichen, paradiesischen Gaben zum Synonym für Bilder des Elends und menschenunwürdigen Lebens geworden. Umso bedeutsamer, dass Akinbiyi den Blick von den unvermeidlichen dantesken Bildern weglenkt. Dennoch verfällt die Ausstellung keinem visuellen Lobpreis schwarzer Kultur. So zeigt etwa die Äthiopierin Aida Muluneh ein Land, dessen Bürger ein normales Leben führen. Eine Gegendarstellung zu den Bildern hungernder Kinder, die man von dort kennt. Auch die Fotografien von Michael Tsegaye zeigen die einfachen, traditionellen Menschen und Landschaften Äthiopiens, in Staub und Nebel gehüllt.
Wer Spot On … als eher sachliche bildliche Darstellung von Afrika, Afrikanern – und, nicht zu vergessen, von Afrikanern gemacht – bezeichnet, liegt nicht daneben. Mit ihrer Serie Beauty is in the Eye of the Beholder (Schönheit liegt im Auge des Betrachters) stellt Nontsikelelo „Lolo“ Veleko aus Südafrika unsere Vorstellung von Schönheit vor eine Herausforderung. Man mag sich fragen, woher die dunkelhäutigen, grell gekleideten Menschen, die sie ablichtet, das Selbstbewusstsein schöpfen, die sie ausstrahlen. Die Südafrikanerin Jodi Bieber dagegen konnte es nicht lassen, sich an den infernalen Bilder einer von Drogenabhängigen bewohnten Unterwelt zu weiden. Sie schwenkt ihre Kameralinse weg vom Kontinent und durchkämmt für ihre Bilder des Elends das spanische Valencia.
Durch seine Fotomontagen, denen man sich nur schwer entziehen kann, richtet der aus dem Kongo stammende Sammy Baloji den Blick wieder abrupt auf dem Kontinent. In Montagen zeitgenössischer und historischer Aufnahmen porträtiert er das koloniale Erbe seiner Herkunftsprovinz Katanga mit ihren Kupferbergwerken. Die Geschichte ist ein Mittel, mit dem er daran erinnert, dass die Massen seit Jahrzehnten unter dem Joch des gleichen, nicht auszurottenden Übels leiden.
Für Berry Bickle aus Zimbabwe ist die Geschichte eine riesiger Strudel der Macht, vom Zustrom einzelner Erfahrungen genährt. In unablässiger Verschmelzung einzelner Elemente untersucht die Künstlerin die Auswirkungen der Mobilität auf die Gesellschaft. Das Thema des Ortswechsels – oder ist es ein Verlaufen? – schwingt auch in den starken Selbstportraits des in Mali geborenen Mohammed Camara mit. Auf einem der Bilder erscheint der nur in langen Unterhosen gekleidete schwarze Mann inmitten einer Schneelandschaft, ohne Frage fehl am Platz. Einsam in grüne Weiden eingebettet wieder versucht er, Kraft aus der längst verblichenen Weisheit seiner Wurzeln zu ziehen. Bildlich ausgedrückt hat er große Ähnlichkeit mit dem Kaktus, der in der Wüste blüht.
Der Geist, die Seele des Menschen lässt sich nicht unterdrücken, auch nicht in den Slums von Antananarivo, der madagassichen Heimatstadt von Soavina Ramaroson. Er porträtiert Menschen, die selbst unter unwirtlichsten Bedingungen ein Leben haben.
Die Fotografien von Saidou Dicko aus Burkina Faso schenken der Metapher des flüchtigen Augenblicks, der für die Nachwelt festgehalten wird, ganz neue Bedeutung. Seine Reihe Voleur d’Ombre (Schattendieb) ist ein Beispiel dafür, dass man Geschichten aus dem echten Leben auch über niemanden im Besonderen erzählen kann. Jede Aufnahme des ehemaligen Hirtenjungen vermittelt die heitere Arglosigkeit seiner Kindheit. Die Schatten seiner Welt sind nicht bedrohlich, noch weniger deuten sie auf das Übel.
Ifa-Galerie, Linienstr 139, bis 11.1. Di,bis Fr, So 14-20 Uhr, Sa 12-20 Uhr
veröffentlicht am 29.10.2008 in der Berliner Zeitung.