Berlin, 24.10.2008: Hähnchen mit Chili beim Türken Nesrin
Nesrin Sefer schenkte mir sein unverwechselbares breites Lächeln. Das war seine Art mir zu sagen, dass er sich freute, mich wiederzusehen, begleitet von einem Schwall nicht leicht verständlicher deutscher Worte. Kein Zweifel, er erinnerte sich an mich. Auch daran, dass ich Journalist aus Nigeria bin.
Frau Mann, die neben ihm stand, warf fragende Blicke in meine Richtung, offenbar benötigte sie eine kleine Gedächtnisstütze. Nesrin erledigte das auf Türkisch. Immerhin bedienen sie jeden Tag unzählige Kunden, und so ist es als Kompliment zu sehen, dass sie mich überhaupt erkannten. Der Duft, der mir in die Nase zog, erinnerte mich daran, dass ich langsam hungrig wurde und warum ich hier war. Trotz des riesigen Frühstücksbüffets in meinem Hotel am Alexanderplatz. Die sympathischen Türken führen einen Imbiss am Rosenthaler Platz. Das Lokal teilen sie mit einem chinesisch aussehenden Mann. Während meines letzten Besuchs war ich nie sein Kunde. Nichts für ungut. Die asiatische Küche ist einfach nicht mein Ding.
Es gibt einen guten Grund dafür, dass mich mein Weg wieder hierher führte. Hier habe ich in den frostigen letzten Winterwochen meines ersten Aufenthalts 2008 Trost gefunden. Nesrin hatte nicht vergessen, dass ich mein Hähnchenschnitzel mit Chili mag. So schob er mir ein Schälchen Chili über die Theke. Auf Kosten des Hauses, sagte er. Mensch, hat mich diese Geste berührt! Berlin empfängt mich mit weit geöffneten Armen. Bislang war das Wetter mild, und die Bäume, die vor dem Winter ihr goldenes Blätterkleid ablegen, liefern ein atemberaubendes Spektakel. Nein, das ist nicht die falsche Zeit für Berlin.
Am Flughafen Berlin-Tegel bin ich diesmal von keinem streng dreinblickenden Zollbeamten behelligt worden. Stattdessen erwartete mich, als ich in die Ankunftshalle schlenderte, eine plakattragende dunkelhaarige Dame. Sie sei Evelyn Reitz, sagte sie, Doktorandin der Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Die Busfahrt zum Hotel war ihre Idee. Die Buslinie 168 hält eigentlich nicht vor meinem Hotel, dem AGON am Alexanderplatz, aber in der Nähe. Evelyns Begleitung nahm dem, was eine strapaziöse Fahrt zum Hotel hätte werden können, den Schrecken. Das Einchecken dauerte nicht lange, und schon brachte der Aufzug uns in eines der oberen Stockwerke, wo mein Zimmer liegt. Sie hätte die alte Gebäudearchitektur im Stil der kommunistischen Zeit nicht entschuldigen müssen. Mein Zimmer gefiel mir. Außerdem war das Gebäude einst ein Prachtstück. Hinzu kommt, dass das Hotel in der Nähe der Berliner Zeitung liegt, bei der ich die kommenden Wochen als Gastjournalist verbringen werde.
Montagmorgen im Redaktionsgebäude der Berliner Zeitung am Alexanderplatz. Hier trat ich, Evelyn im Schlepptau, meinen ersten Arbeitstag an. Boris, mein junger Mentor, empfing uns im zwölften Stock und stellte mich seinen Kollegen vor und wies mich in meinen Arbeitsplatz ein. Bei der Redaktionssitzung im Büro des Feuilletonchefs gab es weitere Treffen.
Wenn man nach fast neun Monaten wieder nach Berlin zurückkehrt, ist das etwa so, als wenn ein alter Freund oder Bruder einen umarmt. Als ich meine ehemaligen Vermieter in ihrem Haus an der Oranienburger Straße aufsuchte, wurden viele Erinnerungen in mir wach. Ich war bewegt. War das Nostalgie? Es berührte mein Herz und mir kamen fast die Tränen, als ich die vertraute Luft einatmete: Auguststraße, Linienstraße, Große Hamburger Straße, Gipsstraße. In einem Punkt ist die Stadt unverändert: Sie ist nach wie vor die Baustelle, die ich vom letzten Mal kenne. Anders ist lediglich, dass jetzt in neueren Gebieten gebaut wird. Die Rosenthaler Straße ist für Autos gesperrt. Die Auguststraße auch.
Der verregnete Dienstagabend erinnerte mich an die letzte Zeit meines ersten Aufenthalts. Die Kulturbrauerei hätte der ideale Ort sein können, um den Tag zu beschließen, hätte ich nicht so weit weg von der Bühne gestanden. Schade eigentlich, denke ich mir, während ich hinter einem Meer von Menschen stehe, das der fünfköpfigen Band zusieht, die, wie aus anderen Sphären, bewegende Songs in englischer Sprache spielt.
veröffentlicht am 24.10.2008 in der Berliner Zeitung.