Beirut

Beirut, 12.11.2008: Das Geisterspiel

 © Man kann nicht sagen, dass sie wirklich eine Chance hatten. Immerhin waren sie im Hinspiel mit 1:5 unter die Räder gekommen. Dennoch haben sie alles gegeben, um sich achtbar aus der Affäre zu ziehen in diesem Cup-Finale des Asiatischen Fußball-Verbandes (AFC). Und man kann sagen, es war ein denkwürdiger Abend im Stadion Al Madina al Riyadiya. Erst recht für einen interessierten Fußball-Zuschauer aus Europa. Die Kicker des Beiruter Clubs Safa rangen den überlegenen Gästen vom Club Muharraq aus Bahrain ein achtbares 4:5 ab. Kurz nach der Pause lagen sie schon aussichtslos 1:4 zurück, und zu allem Überfluss wurde einer der ihren auch noch wegen Meckerns vom Platz gestellt. Es sah nach einem ähnlichen Debakel wie im Hinspiel aus. Dann aber wuchs das Team über sich hinaus und glich binnen 15 Minuten aus. Erst kurz vor Schluss gelang den haushohen Favoriten der glückliche Siegtreffer.

Ein tolles Fußball-Spiel. Aber auch ein seltsames. Denn das Finale des AFC-Cups sahen gerade mal 8.000 Zuschauer. Dabei ist der Wettbewerb vergleichbar mit dem UEFA-Cup. Dessen Finale ist jedes Mal ausverkauft, es wird weltweit live übertragen. Diese Spiele, das versichern die Kollegen von der Al Hayat-Sportredaktion, werden auch im Libanon intensiv verfolgt. Besonders die der Bundesliga, denn da kicken auch Libanesen mit, etwa der Mittelfeldstar des 1. FC Köln, Roda Antar.

Der Fußball im eigenen Land aber wird eher belächelt. Zwar gibt es eine nationale Liga. Die Spieler der elf Teams sind aber fast alle Amateure. Lediglich Vereine wie der derzeitige Tabellenführer Al Ansar Beirut können einige Spieler bezahlen. Die anderen gehen arbeiten und kicken nebenbei. So könnte man das Spielniveau des Cup-Finalisten Safa wohlwollend in der deutschen Regionalliga verorten, während der Gegner aus Bahrain vielleicht in der Zweiten Liga mithalten dürfte. Immerhin hat die Elf von Muharraq einen Brasilianer (Rico) in ihren Reihen, der in den beiden Finalspielen allein sechs Treffer erzielte. Die Gäste spielten eine astreine Viererkette, und auch ihr inszenierter Torjubel hatte europäisches Niveau. Solche Spiele, obwohl sie nicht jeden Tag geboten werden, sind im Libanon alles andere als Straßenfeger. Die Zuschauer hatten freien Eintritt und wurden am Eingang von Club-Mitarbeitern mit gelben Fan-Trikots versorgt. Trotzdem kamen nicht mehr als 8000 - deutlicher kann man die Geringschätzung des heimischen Fußballs nicht mehr ausdrücken. So wurde das Finale in dem Stadion fast zu einem Geisterspiel, immerhin hat es etwa die Größe der Frankfurter Fußball-Arena. Wenigstens haben die Fans, die kamen, ordentlich Stimmung gemacht. Sie hatten sogar einen Trommler als Einpeitscher dabei und jede Menge Schmählieder auf Lager. Eines könnte man etwa so übersetzen: „Bahrain yalla, ihr kriegt keinen Balla.“

Tränen nach der Niederlage

Das Beiruter Stadion ist erst vor kurzem wieder eröffnet worden, israelische Bomben hatten es während des Krieges 2006 schwer beschädigt. Darüber und über Fußball im Allgemeinen habe ich mit Kamal, dem Sportredakteur von Al Hayat, gesprochen. Er ist etwa so alt wie ich und erzählte, der deutsche Fußball sei für ihn der beste überhaupt. Und dann hat er von früher berichtet, von der Fußball-WM 1986 zum Beispiel: „Das war mitten im Bürgerkrieg, es gab ein halbes Jahr lang kein Wasser und keinen Strom. Wir haben uns einen Generator besorgt, um das Endspiel sehen zu können. Und wir haben geweint, als Deutschland gegen Argentinien verloren hat.“ Zieht man von der Geschichte mal 40 Prozent Höflichkeitsflunkern ab, dann bleibt immer noch eine Fußball-Begeisterung, die einen verwöhnten Nachkriegseuropäer nur beschämen kann. Die sehen mitten im Krieg, wo ihre Stadt in Trümmern liegt und ständig Maschinengewehrfeuer zu hören ist, ein Fußballspiel und fiebern mit einer fremden Nationalmannschaft mit. Echte Fans.

Martin Müller-Bialon,
veröffentlicht am 12.11.2008 in der Frankfurter Rundschau.

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