Beirut, 9.11.2008:
Heute noch Fantasiegebilde - Die Städte der Zukunft
Was wird sein? In zehn oder sagen wir in 20 Jahren. Wie werden die Städte, die großen Citys, dann aussehen? Gesichtslose, durch die Folgen der Globalisierung kaum noch zu unterscheidende Metropolen, wie der promovierte Architekt und Kunsthistoriker Javier Maderuelo (Spanien) fürchtet? Oder ein Ort hoher Lebensqualität auch für junge Leute und Familien, wie sein Kollege und Landsmann Juan Herreros es sich vorstellt. Wie es sein wird, konnte beim Round-Table-Gespräch am Donnerstag in der AUB niemand beantworten. Man darf aber sicher sein, dass die Architekten sich fortan intensiver an der Debatte beteiligen werden.
„Wir müssen da mitmachen, uns mehr einbringen“, lautete Herreros` Appell. Zu dieser Erkenntnis sind Architekten und Stadtplaner auch anderswo bereits gelangt. In Frankfurt etwa hat die Stadtregierung eine Debatte über künftige Perspektiven der Rhein-Main-Metropole angestoßen. Der renommierte Stadtplaner Albert Speer wurde beauftragt, ein Konzeptpapier für „Frankfurt 2030“ zu entwickeln. Die Bankenstadt hat sich in den vergangenen 15 Jahren mehr und mehr von ihren industriellen Wurzeln gelöst. So genannte Blaumann-Arbeitsplätze verschwanden zunehmend, während gleichzeitig die Finanz- und Werbebranche expandierte. Im gerade verabschiedeten Hochhausrahmenplan sind insgesamt 20 neue Standorte für Hochhäuser vorgesehen. Dort soll es neben Büros auch Wohnungen geben.
Ob sie freilich dem Modell von Juan Herreros entsprechen werden, ist eher fraglich. Bei diesen Wohnungen handelt es sich eher um hochmoderne, teure Boardinghouse-Wohnungen. Familien werden da kaum einziehen.
Das gilt auch für das prosperiende, von einem unglaublichen Bauboom gekennzeichnete Solidere-Viertel Beiruts. Die gesamte City ist nach dem Bürgerkrieg wieder aufgebaut worden. Nun ist die Strandpromenade an der Reihe. Ein Hochhaus nach dem anderen schießt hier aus dem Boden, vor allem Hotelketten suchen diesen Standort.
Es ist alles vertreten: Interconti, Ramada, Hyatt (gerade im Bau). In den Erdgeschossen dieser Luxusbauten bieten Porsche und Rolls Royce ihre Karossen feil. In den luxuriösen Wohnhäusern brennt allerdings nur selten Licht. Sie dienen, wie es heißt, wohlhabenden Saudis oder Auslands-Libanesen als Urlaubs-Domizil und werden nur ein paar Wochen im Jahr genutzt - bei Preisen von bis zu einer Million Dollar pro Wohnung.
Gleich gegenüber dümpeln im Hafen sündhafte teure Yachten. Ein wenig erinnern dieser Hype und die Wolkenkratzer am Meer an die spanische Küstenstadt Benidorm - nicht wirklich schön, aber ziemlich beeindruckend. Dass er von dieser Entwicklung nicht viel hält, machte Bernard Khoury während der Diskussion im Fachbereich Architektur der AUB deutlich. „Ich bin aus dem Rennen, man hat mich ausgeschlossen“, erklärte der international renommierte AUB-Professor. Und er machte nicht den Eindruck, als sei er darüber besonders unglücklich.
Khoury rief seine Kollegen dazu auf, sich mehr um private Bauprojekte zu kümmern. „99 Prozent der Städte werden von privat gebaut“, sagte er. Und fügte hinzu: „Es ist grundsätzlich nichts Schlechtes, eine Shopping-Malls oder Nightclubs zu entwerfen.“ Auch Juan Herreros bedauerte mit Blick auf den Bauboom an Spaniens Küste, man habe der Entwicklung zu lange zugeschaut und sich mit dem Bau von öffentlichen Bauten, etwa Bibliotheken, befasst.
Beirut-Besuchern fällt sofort auf, dass neben den neuen Wolkenkratzern Bauruinen vor sich gammeln. So dient das ehemalige Holiday-Inn-Hotel am Rande des Solidere-Viertels als Anziehungspunkt und beliebtes Fotomotiv für Touristen. Das Gebäude ist als Relikt des Bürgerkriegs übriggeblieben. Noch heute kann man in der Ruine die Einschusslöcher der Maschinengewehre sehen. Wobei es sich, wie mir mehrere Leute berichtet haben, nicht um ein bewusst erhaltenes Mahnmal handelt. Dass mit dem Gebäude nichts geschieht, habe eher wirtschaftliche Gründe.
Wie es dort weitergehen wird, kann niemand vorhersagen. Um sich die Städte der Zukunft vorzustellen, braucht man viel Phantasie. Wie Kinder sie haben. Die Frankfurter Rundschau hat einen Wettbewerb von Schülern mit dem Titel „Wir ich mir Frankfurt 2030 vorstelle“ initiiert. Heraus kamen Hunderte farbenfrohe Bilder und Modelle mit viel Leben und wenig Autos. Ginge es nach diesen Kindern, so bräuchte man sich um die Zukunft der Städte keine Sorgen zu machen.
veröffentlicht am 9.11.2008 in Al Hayat.