Beirut

Beirut, 6.11.2008: Paradies für Raucher

 © Beirut qualmt. Sei es im Auto, Restaurant oder Büro. Blauer Dunst verbreitet sich überall, und niemand regt sich darüber auf. Für Europäer, die unter dem immer restriktiver gehandhabten Rauchverbot leiden, ist die Stadt ein wahres Paradies. Hier dürfen sie plotzen, wo und wann sie möchten. Rauchen ist hier selbstverständlicher Teil des öffentlichen Lebens.

„Wenn ich hier nicht rauchen dürfte? Dann würde ich nicht herkommen“, sagt Mohammad Sherkawy, der mit seiner Freundin Nada Elrabih und seinem Freund Rabih Shwairy ins Café T-Marbouta in Hamra gekommen ist. Für den 24-Jährigen gehört die Zigarette danach zu einem guten Essen dazu. Eineinhalb Schachteln bläst Mohammad am Tag in die Luft. „Ich weiß, das ist nicht gesund“, gibt er zu, „aber es ist auch Teil der libanesischen Kultur.“

In Deutschland wäre Mohammad ein Außenseiter. Raucher gelten dort inzwischen als gesellschaftliche Minderheit. Dafür haben umfangreiche Anti-Rauchen-Kampagnen des Gesundheitsministeriums und nicht zuletzt die Tatsache gesorgt, dass Zigaretten immer teurer werden und Werbung grundsätzlich verboten ist. Die Tabak-Firmen sind zudem gesetzlich verpflichtet, auf jeder Zigarettenschachtel in dicken Lettern Hinweise wie „Rauchen gefährdet ihre Gesundheit und die ihrer Mitmenschen“ zu drucken.

Mehr noch: Raucher finden kaum noch Orte, wo sie ihrer Sucht frönen können. Das Bundesland Hessen, zu dem auch Frankfurt gehört, hat schon vor Jahren das Rauchen in allen öffentlichen Gebäuden verboten. Seit das Verbot 2004 auch auf Schulen ausgedehnt wurde, treffen sich in den Pausen Schüler und Lehrer zum Paffen vor den Eingängen.

Für hitzige Debatten hat besonders das 2007 eingeführte Rauchverbot in Gaststätten gesorgt. Vor allem die Wirte kleiner so genannter Ein-Raum-Kneipen klagten über drastische Umsatzeinbußen. Sie fühlten sich benachteiligt, weil Lokalen mit zwei Räumen gestattet wurde, einen davon als Raucherraum zu deklarieren. Nun soll das Gesetz geändert und das Rauchen in kleinen Kneipen wieder erlaubt werden.

Das Rauchverbot ist allerdings keineswegs bundeseinheitlich geregelt. Fast jedes der 16 deutschen Bundesländer hat eigene Modalitäten. Bayern etwa erlaubt Rauchen in Bierzelten, um die Stimmung auf dem Münchner Oktoberfest nicht zu trüben. Jedoch: In der Europäischen Kommission in Brüssel wird an einem generellen Rauchverbot für alle EU-Mitgliedstaaten gearbeitet. Grundlage dafür ist der Arbeitsschutz. Denn, so die Begründung von EU- Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou (Zypern): Auch Gaststätten sind Arbeitsplätze.

Im T-Marbouta mag sich Wirt Moustaf Makky nicht recht vorstellen, dass er seinen Gästen das Rauchen verbieten soll. „Dann würde es hier ziemlich leer werden“, ist er sich sicher. „Die Leute würde eben woanders hingehen.“ Eine Diskussion auf politischer Ebene wie in den EU-Staaten gebe es in Libanon nicht, sagt Makky.

Fragt sich nur: Warum qualmen die Libanesen so viel? Eine Erklärung ist natürlich der Preis. Während in Deutschland ein Päckchen Zigaretten fünf Euro kostet, werden die Glimmstengel in Beirut für ein Fünftel dieses Preises (2000 Livre) angeboten. T-Marbouta-Gast Rabih Shwairy (47) hat aber noch eine andere Erklärung für die Lust am Rauchen: „Es entspannt die Nerven. Das hat auch mit der Vergangenheit zu tun.“ Der Bürgerkrieg und der Juli-Krieg 2006 also treiben die Libanesen zum Nikotin?

Die Vermutung ist nicht ganz abwegig. Nach einer Erhebung der Weltgesundheitsorganisation WHO nutzen weltweit durchschnittlich fünf Prozent der Menschen psychoaktive Drogen, im Libanon sind es 16 Prozent. Medienberichten zufolge sind post-traumatische Krankheiten wie Depressionen ein gesellschaftliches Tabu; viele Menschen leiden darunter, ohne zu wissen, dass es sich dabei um eine Krankheit handelt. Während in Deutschland die psychischen Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Menschen wissenschaftlich erforscht sind und psychotherapeutische Hilfe sogar von den Krankenkassen bezahlt wird, fehlt hierfür in Libanon nach Einschätzung von Experten noch weitgehend das Bewusstsein. „Niemand berichtet über Psychotherapy in Libanon. Aber die Regierung bietet die neuesten anti-psychotischen Medikamente umsonst an,“ sagte Dori Hachem, Psychiater an der American University of Beirut, dem Daily Star. Kaum Akzeptanz und wenig Hilfe bei psychischen Krankheiten – kein Wunder, dass die Menschen rauchen.

Immerhin: Einige machen in punkto Rauchverbot einen Anfang. Die Starbucks-Kette etwa erlaubt Rauchen nur auf den Außenplätzen. Und auch T-Marbouta hat einen rauchfreien Raum, die Bibliothek. Dort freilich sitzt an diesem Abend kein einziger Gast.

Martin Müller-Bialon,
veröffentlicht am 6.11.2008 in Al Hayat.

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