Beirut

Beirut, 20.10.2008: Schleier und Minirock

 © Wer im Bücherladen einen Stadtführer von Beirut sucht, sollte auf seine Aussprache achten. „Bayreuth? Haben wir da“, heißt es sonst. Zweimal ist das passiert. Über die Stadt der Wagner-Festspiele gibt es Meterware Literatur, über die Hauptstadt des Libanon dagegen kaum etwas. Ein eigener Stadtführer von Beirut jedenfalls findet sich nicht im Verzeichnis des deutschen Buchhandels. Was es gibt, sind Reiseführer für Syrien und Libanon, die das Thema Beirut kurz streifen.

Dabei hätte unsereiner Informationen über diese Stadt dringend nötig. Ich weiß nämlich so gut wie nichts - na ja, sagen wir wenig. Es ist nicht viel mehr als die üblichen Assoziationen, mit denen man auf das Thema Beirut eben reagiert: Bürgerkrieg, zerstörte Häuser, aber auch Fotos von feiernden jungen Leuten in offenen Autos. Irgendwo aus dem Langzeitgedächtnis tauchen plötzlich Begriffe wie Hisbollah-Miliz oder Falangisten wieder auf. Damals, vor mehr als 20 Jahren, wurden sie in fast jeder Nachrichtensendung genannt. Der Ruf der Stadt ist davon offenbar noch heute geprägt. Kaum ein Kollege oder Freund, der mir nicht „eine kugelsichere Weste“ empfohlen hat. Auch von schönen Frauen ist immer wieder die Rede gewesen.

Von persönlicher Anschauung sind diese Meinungen nicht geprägt, es wird also höchste Zeit für eine „Nahaufnahme“. So hat das Goethe-Institut das Projekt genannt, bei dem ich dabei sein darf. Journalisten aus dem christlich geprägten Deutschland besuchen Kollegen in Ländern mit muslimischer Tradition, die anschließend zu einem Gegenbesuch mit zurückreisen. Wie leben Menschen unterschiedlicher Kulturen in einer Stadt zusammen, wo und warum gibt es Konflikte und wie geht man damit um? Diesen Fragen sollen wir Journalisten in unserem Gastland nachgehen und darüber in der dortigen Zeitung schreiben. Ein klassisches Frankfurter Thema also. Und wie ein erster Blick in die vorhandenen Bücher gezeigt hat, ebenso ein Thema in Beirut. Und was für eins: Christen und Muslime haben sich in dem fast 15 Jahre währenden Bürgerkrieg bekämpft, auch wenn es dabei weniger um religiöse als vielmehr um politische Konflikte ging.

Dazu fällt mir Belfast ein, wo ich 1991 mal war. Auch der nordirische Bürgerkrieg zwischen Protestanten und Katholiken hatte keine religiösen, sondern soziale Hintergründe. Damals in Belfast hat es in der ersten Nacht einen Bombenanschlag gegeben, bei dem niemand verletzt wurde, aber 100 Meter Schaufensterscheiben zu Bruch gingen. Bei der Nordirland-Reise ging es um Versuche, das Land touristisch zu vermarkten.

Jetzt also Beirut, das „Paris des Orients“. Eine Stadt, deren Bewohner nur zu gut wissen, was Zerstörung und Wiederaufbau bedeutet. Zuletzt wurde die Stadt vor zwei Jahren nach der Entführung von zwei Soldaten von israelischen Luftangriffen heimgesucht. Die exakte Einwohnerzahl steht nicht genau fest. Sie dürfte bei um die zwei Millionen liegen, damit leben fast zwei Drittel der Libanesen in der Hauptstadt.

Eine multikulturelle Metropole, die Frankfurt in nichts nachsteht. Es gibt allein acht verschiedene christliche Gruppen, von denen die „Maroniten“ die größte sind. Dazu gibt es sunnitische und schiitische Muslime sowie Drusen. Voll verschleierte Frauen und welche mit Minirock laufen nebeneinander her. Fast wie in Frankfurt. Oder ganz anders? Das herauszufinden ist das Ziel dieser Reise. Meine Texte werden also in den kommenden vier Wochen in der Beiruter Zeitung Al Hayat („Das Leben“) erscheinen - auf Arabisch. Dazu hat das Goethe-Institut eigens einen Übersetzer engagiert. Mal sehen, wie das wird. Sicher ist einstweilen nur eins, und dazu braucht man keinen Reiseführer: Da unten ist es warm, sehr warm.

Martin Müller-Bialon,
veröffentlicht am 20.10.2008 in der Frankfurter Rundschau.

Nahaufnahme Weblog

Wie sieht eine litauische Journalistin Bonn? Und was fällt einem Düsseldorfer Redakteur in Budapest auf? Aktuelle Eindrücke im Journalistenblog.