Abidjan, 13.12.2008: Sie waschen um ihr Leben
Wer wissen will, wie hart Aiidara Amadou arbeitet, muss nur auf seine Finger schauen. Schrumpelig sind sie geworden, vom Wasser. Die Fingernägel haben sich fast aufgelöst, von der Seife. Trotzdem arbeiten die Finger pausenlos an diesem Morgen. Sie packen das schwarze T-Shirt, klemmen es zwischen Aiidaras Beine, drehen an ihm, erbarmungslos wie ein Schraubstock. Ist das Wasser herausgewrungen, breiten sie das Textil flink auf dem winzigen Rasenstück aus, von dem man einen guten Blick hat auf beiden Autobahnen und 50 Männer und Frauen, die dazwischen im Nebenarm eines Flusses waten und waschen, als ginge es um ihr Leben.
Es spritzt und schmatzt im Fluss, es knallt, wenn die Männer ihre Wäscheballen auf die Autoreifen schleudern, die vor ihnen im Fluss schwimmen. Routiniert verteilen sie die Ahou-Gbasra-Seife. Keine wäscht reiner, sagen sie; auf den umliegenden Hügeln kochen Frauen die grauen Klumpen aus Palmöl, Baumrinde und Säure – Industrieseife wäre viel zu teuer. Wenn die Fanicos aus dem Wasser steigen, wenn sie die Wäsche auswringen, ausbreiten und später mit einem mit Kohle gefüllten Bügeleisen glätten, sind sie nass bis auf die Haut. 25 Francs CFA verdienen sie pro Wäschestück, in Euro umgerechnet keine vier Cent. Wenn sie nicht genügend waschen, haben sie am Abend nichts zu essen. Sie waschen tatsächlich um ihr Leben. Und Aiidara ist ihr Anführer.
Heute morgen um sechs ist der 40-Jährige losgezogen durch den überfüllten und niemals schlafenden Stadtteil Adjamé. „Habit, habit“, hat der kleine Mann gerufen, „Wäsche, Wäsche“. Und seine treuen Kunden haben ihm die Stücke gegeben, die sie extra für ihn gesammelt haben, weil sie ihm vertrauen. Um halb acht stand Aiidara an seinem persönlichen Reifen im Fluss, wie jeden Tag. Es ist eine harte Arbeit, sagt er, „ich schlage mich so durch“.
Vor sechs Jahren, als der Krieg ausbrach in der Côte d’Ivoire, wurden die Fanicos vertrieben. Damals haben sie noch im nahen Wald gewaschen, zu Hunderten, das Wasser war klar und alte Bäume schützten sie vor der Sonne. Dann kam die Forstpolizei und scheuchte sie davon, wohl aus Angst, dass sich im Wald auch Rebellenkämpfer verstecken könnten. Es soll viele Tote gegeben haben. Aus dem Wäscher Aiidara wurde der Anführer Aiidara. Er ging ins Rathaus und flehte: Wir müssen unsere Familien ernähren! Bitte lasst uns einen Platz zum Arbeiten!
Bald will Aiidara wieder ins Rathaus gehen. Er will die Fanicos zurückführen an ihren einstigen Ort. Denn hier in Attecoubé, zwischen den beiden Autobahnen, ist kaum Platz für die Wäsche, die Sonne brennt erbarmungslos vom Himmel und das Wasser fließt braun und trüb dahin. Touristenbusse mit neugierigen Weißen kommen längst nicht mehr. Früher waren es meistens vier am Tag, sie brachten Abwechslung und gutes Geld.
Wenn Aiidara fertig ist und seine Wäsche gebügelt, trägt er sie zurück. Vier Uhr am Nachmittag ist es dann, und der dünne Mann kann in seinen Armen und Beinen spüren, wie viel er gearbeitet hat. Er kann es an seinen Fingern sehen und an den verschrumpelten nackten Füßen. Er geht nach Hause zu seiner Frau, seine fünf Kinder sind alle gestorben, zwei davon im Krankenhaus, unter den Augen der Ärzte. Aiidara hätte allen Grund, über das Leben zu klagen, über die Ungerechtigkeit. Aber er schimpft mit keinem Wort. Stattdessen murmelt er leise: „Lieber komme ich hierher, als dass ich zum Ganoven werde.“
veröffentlicht am 13.12.2008 in Le Patriote.