Nürtingen, 17.4.2012: Stimme des Herzens

Sie fühlen sich als Gast aus dem Ausland unsicher in der Landessprache oder sind unschlüssig, ob Sie das Wörterbuch nicht doch noch schnell in die Handtasche stecken, bevor Sie das Hotel verlassen? Seien Sie beruhigt, denn hier spricht man die Sprache des Herzens. Bereits beim Verlassen des Flughafens begrüßt man Sie mit einem freundlichen Nicken. Und solches Wohlwollen schenkt man Ihnen bald überall, scheint im warmen Lächeln eines jeden auf, ob bekannt oder unbekannt. So empfing mich mein Kollege Jürgen Gerrmann mit gewohnt freundlicher Miene und genauso freundschaftlich, wie ich ihn noch von seinem Aufenthalt bei uns in Kolkata kannte. Die große Entfernung hatte nichts daran verändert. Eher ist die Zuneigung noch gewachsen, wie ich merkte.
Als wir beim Hotel Pflum ankamen, meiner Bleibe in Nürtingen für die nächsten vier Wochen, empfing mich ein gut aussehender, freundlich lächelnder Mann mit einem herzlichen „Hallo!“. Da wusste ich: Hier kann sich jeder sofort zuhause fühlen. Es war Werner Pflum, der Hotelbesitzer – jemand, den man von Anfang an als „prima Kerl“ und liebevolle Vaterfigur schätzt. Als Jürgen Gerrmann uns einander vorstellte, fühlte ich mich bereits wohl in Pflums Gegenwart, der Wohlwollen ausstrahlte und sich in holprigem Englisch aufmerksam nach meinen Vorlieben und Abneigungen erkundigte. Ob ich ein Bier oder ein Alkoholfreies wolle, fragte er lachend und mit einem Augenzwinkern. Bei einem Teller Spaghetti mit Schweinefleisch und einem Bier hieß er mich in seinem Hotel willkommen.
Da hatte ich mich schon in das einladende Haus mit seiner gemütlichen Gaststube verliebt, wo man gern beisammen saß, um sich bei Speis und Trank angenehm die Zeit zu vertreiben. Das erinnerte mich durchaus an unsere bengalischen Abende im Olypub oder dem Bar-B-Q in Kolkatas Park Street-Viertel.
Der erste Bürotag war eine Offenbarung für mich. Nicht nur Jürgen, nein jeder sprach mich hier so nett an – die einen in fließendem Englisch, die anderen mit freundlicher Miene und offenem Lächeln. Oft genug noch lief die Verständigung zweisprachig und mehr über Gesten und Mienenspiel, aber letztendlich verstand man sich, und wir kamen sogar ins Plaudern. Die Kollegen von der Nürtinger Zeitung hatten mir mit Blumen und einem Osterhasen auf meinem Schreibtisch das herzlichste Willkommen bereitet, das ich mir vorstellen konnte. In jedem fand ich einen Freund, wie in der stets lächelnden, liebenswürdigen Ressortleiterin Annelise Lieb (nomen est omen). Und dass mich die Kollegen auf dem Weg in die Redaktion jedes Mal am Hotel abholten … wie hätten Sprachprobleme hier noch ein Hindernis sein können?
Nein, bei all diesen Gesten der Gastfreundschaft und der Herzlichkeit konnte ich mich fern von Indien wie zuhause fühlen – mit wem ich auch sprach, ich hörte immer die Stimme des Herzens.
Ein besonderes Erlebnis war kürzlich die Fahrt nach Reutte in Tirol, gerade für mich als „Flachlandtiroler“. Die Alpen aus der Nähe zu sehen war ein erhebender Augenblick, und zusammen mit meiner Freundin Christine Schneider war es einmalig. Die gut aussehende blonde, schlanke Frau hatte mich sofort für sich eingenommen. Es war ihr sanftes Wesen, die Ruhe, die sie ausstrahlte, ihr herzerwärmendes Lächeln, ihre kreative Veranlagung und ihr Kunstsinn, was uns Freunde werden ließ. Als vielgereiste Malerin, die eine Zeit lang in Indien war, kannte sie den Subkontinent gut. Dass wir uns so recht verstanden lag nicht nur daran, dass es bei ihr Reis oder Chapati gab – es war die endlose Geduld, mit der sie auf all meine Fragen einging.
Der Wohnsitz der Schneiders war das, was man ein gemütliches Zuhause nennt, die Kreativität sprach aus allen Winkeln und Ecken. Mit großer Herzlichkeit und Geduld brachte Christine mir das Filzen bei, hier wurde sie zum „Guru“ für mich. Die Deckchen, die sie mir schenkte, sahen nicht nur hübsch aus, sie waren Ausdruck einer neuen Freundschaft. Auch ihre Mutter erwies sich bei meinem Besuch in Bichlbach als perfekte Gastgeberin. Wenn sie etwas erklärte, auf Deutsch und etwas länger, und ich nur nicken konnte, ohne sie ganz zu verstehen, entbehrte das nicht einer gewissen Komik. Aber nett wie alle hier flocht sie einige deutlich betonte englische Ausdrücke ein, und das genügte – ich verstand sie. Wie sie mir morgens das reichhaltige Frühstück mit dem heißen Earl Grey-Tee servierte, erinnerte sie mich an meine Mutter, und wenn sie sich dann zu mir setzte, um mir Gesellschaft zu leisten, dachte ich wieder: „Das Herz braucht keine Sprachkurse.“
Bei meinem ersten Aufenthalt in Nürtingen gab es viele solcher Begebenheiten, die mir Land und Leute ans Herz wachsen ließen. Da ist zum Beispiel Annemarie Gigl, eine liebenswürdige Dame, die zudem noch Starfotografin ist. Sie lud uns freundlich zu sich nach Hause ein, wo wir uns im Nu wohlfühlten. Bei Eierlikör und Apfelsaft aus der Region zeigte sie uns ihre wunderbaren Fotografien, und wir wurden Freunde. Sorgsam im Koffer im Hotel verstaut erinnert mich etwas immer wieder an ihre Fürsorge: Samstagabend hatte ich vor, eine Osterandacht zu besuchen. In weiser Voraussicht und eingedenk der Kühle im Kirchenraum brachte sie mir eine warme Jacke. Auf solche kleinen Gesten kommt es an – etwas, das ich überall in Deutschland und stets aufs Neue erfahre. Verständigung als Herzensangelegenheit – um das zu erleben, ist Nürtingen der ideale Ort.
veröffentlicht am 17. April 2012 in der Nürtinger Zeitung.
Übersetzt von Klaus Sticker