New Delhi, 5.12.2011: Lieber Marx statt Herta Müller

Delhi, das ist die Stadt des Handels. Es gibt kaum eine Ecke in der Metropole, an der nicht irgendetwas feilgeboten wird. Angefangen bei Lebensmitteln über gänzlich unnützen Tand bis zu hochwertig verarbeitetem Handwerk. Und natürlich ist Delhi auch eine Stadt der Bücher. Ob mitten auf der Straße ausgebreitet wie am zentralen Connaught-Place, im bis oben hin vollgestopften kleinen Lädchen am Khan-Market oder im dreistöckigen Literaturkaufhaus in Lajpat Nagar, überall wird das gedruckte Wort an den Mann oder die Frau gebracht. Etwa 15 Prozent Wachstum verzeichnete der indische Buchmarkt im vergangenen Jahr.
„Wir haben hier inzwischen eine große Mittelschicht, die verstärkt Bücher kauft“, erklärt Akshay Pathak. Als Leiter des German Book Office, einer Dependance der Frankfurter Buchmesse, sind ihm die Eigenheiten des indischen Buchmarkts bekannt. Rund 16 000Verlage veröffentlichen bis zu 60 000 Neuerscheinungen im Jahr. Davon erscheint fast die Hälfte auf Englisch, der Rest auf Hindi oder eine der vielen Regionalsprachen. Zweimal, 1986 und 2006,war Indien bereits Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Selbst wenn es noch im Fokus der Buchschau stehen sollte, würde man damit bestenfalls an der Oberfläche des Literaturbetriebs kratzen. Die Bestseller auf dem Subkontinent sind die gleichen wie überall auf der Welt: romantische Vampire, Fantasy-Epen, Krimis aus Skandinavien. „Natürlich orientiert sich der indische Markt gerade bei Übersetzungen stark an den USA und Großbritannien“, sagt Pathak, „das sind alte Allianzen.“
Genau wie im englischsprachigen Raum haben es deutsche Autoren schwer, sich in Indien durchzusetzen. Ilja Trojanow verkauft sich vergleichsweise gut. Hertha Müller auch, seit sie den Nobelpreis bekam. Daniel Kehlmann erfreut sich in Südindien einer gewissen Beliebtheit, und auch Klassiker wie Grass und Kafka bleiben gefragt. Doch selbst diese großen Namen findet man in den meisten Buchhandlungen in Delhi nicht. Die Auswahl deutscher Autoren beschränkt sich meist auf zwei Namen: Karl Marx und Adolf Hitler.
Seit 2008 hat das German Book Office die Aufgabe, deutsche Verleger und Autoren mit dem indischen Markt vertraut zu machen und Kontakt zu möglichen Geschäftspartnern zu vermitteln. Darüber hinaus organisiert das Büro mit seinen gerade einmal vier Mitarbeitern Konferenzen und kulturelle Veranstaltungen. „Wir suchen hier nicht dezidiert, deutsche Literatur zu verkaufen“, betont Prakash, „die Leute kaufen nicht ,deutsche Literatur‘, sondern Romane.“ Und die wollen erst einmal an den Mann gebracht werden, wie fast alles in Delhi.
veröffentlicht am 5. Dezember 2011 in der Frankfurter Rundschau.