New Delhi, 29.11.2011: Überall Uniformen

Delhi ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Eines davon ist das eines Mannes mit dünnem Oberlippenbart, der dich freundlich anlächelt, während die Mündung seines Gewehres auf dich gerichtet ist. Er steht Wache am Eingang zum Basar. An seiner linken Schulterklappe prangt der Schriftzug CISF, rechts die entsprechende Abkürzung auf Hindi. Wo auch immer man in Delhi ist, scheint die Central Industrial Security Force in der Nähe zu sein.
Wer Delhi zum ersten Mal besucht, könnte glauben, dass das Militär in der indischen Hauptstadt die Macht übernommen habe. Zu sehr erinnert die allgegenwärtige CISF mit ihren khakifarbenen oder tarngrünen Uniformen an Armee-Einheiten. Tatsächlich aber handelt es sich bei den rund 128000 Männern und Frauen, welche die CISF in Indien unter Waffen hält, um eine spezielle Polizeibehörde, die im Gegensatz zu den für die Strafverfolgung zuständigen regionalen Polizeieinheiten direkt der Zentralregierung unterstellt ist. Ihre Aufgabe besteht im Objektschutz.
Shri Krishna Saraswat ist seit 14 Jahren Teil dieses Apparats, der mittlerweile für mehr als 300 Einrichtungen im ganzen Land zuständig ist. Zwei Ministerpräsidenten hat er als Personenschützer gedient – eine weitere Aufgabe, die die CISF in den Jahren nach ihrer Gründung 1969 übernommen hat. Inzwischen ist er Pressesprecher. In seinem Büro, in einer gut bewachten Ansammlung von Regierungsgebäuden, stapeln sich die Akten. Beamte die eintreten, salutieren.
Saraswat nennt die CISF selten beim Namen. Er benutzt den englischen Ausdruck „the force“, was sich grob als „die Macht“ oder „die Kraft“ übersetzen ließe. Ein auffällig martialischer Aussetzer in der sonst ausgewählt höflichen Sprache des Offiziers. „The force“ müsse jeden Tag einen Schritt nach vorne machen, sagt er. „Von Tag zu Tag gibt es mehr Herausforderungen.“
„Herausforderungen“ gibt es in Indien zuhauf. Im Nordwesten des Subkontinents, in der zwischen Indien, Pakistan und China umstrittenen Region Jammu und Kaschmir, liefert sich das Militär einen Kampf mit von Pakistan unterstützten Separatisten. In Zentralindien kontrollieren maoistische Rebellen breite Landstriche, und im Nordwesten, in Assam, kämpfen verschiedene Stämme für mehr Autonomie. Als Hauptstadt ist Delhi das bevorzugte Ziel von Anschlägen. Erst im September zündeten muslimische Extremisten Bomben vor einem Gericht in Delhi. Elf Menschen starben.
Private Unternehmen als Kunden
Bislang ist mit jeder „Herausforderung“ die Zuständigkeit der CISF erweitert worden. Zwei Jahre nach der Entführung einer Linienmaschine 1999 gibt die Regierung nach dem elften September 2001 den Forderungen nach. 2007 übernimmt die CISF auch die Sicherheitskontrollen in der Metro von Delhi, für die bis dahin die Polizei zuständig war. Seit 2009 kann sie von privaten Unternehmen angeheuert werden – gegen Bezahlung.
Stolz ist Saraswat auf die Tatsache, dass nicht der Steuerzahler für die CISF aufkomme, sondern die Einrichtungen, die von ihr geschützt würden. Besonders stolz aber mache ihn, dass „the force“ weiter wächst. 17000 zusätzliche Beamte sollen in naher Zukunft angeheuert werden. „Die Herausforderungen“, sagt Saraswat, „sind schließlich auch größer geworden.“
veröffentlicht am 29. November 2011 in der Frankfurter Rundschau.