New Delhi

New Delhi, 16.11.2011: Tiger erobert die Stadt

 © Überall Menschen, hier im Red Fort New Delhi © Foto: Danijel MajicAuch das ist Delhi: Open-Air-Kino inmitten von Lärm und Lichtern.

Ein Tiger streicht durch die Stadt. Groß wie Godzilla bahnt er sich seinen Weg durch animierte Häuserschluchten. Alles, was in seinen Schatten fällt, verwandelt sich. Menschen werden zu Affen, Autos zu Riesenschnecken. Die Botschaft des Trickfilms ist eindeutig: Die Natur erobert die Stadt zurück.

Der Tiger hat es freilich an diesem Donnerstagabend schwer, sich durchzusetzen. Die Leinwand, über die er streicht, ist eine mit Lichterketten behangene Hausmauer mitten am Defence Colony Market in Delhi. Ringsherum wetteifern die Werbeschilder von Restaurants, Bars und Läden, in Neonfarben blinkend, um die Aufmerksamkeit der Passanten. Der Projektor steht in einem kleinen Park gegenüber der Häuserfront. „Thank you for coming to the show“, begrüßt Sven Schwarz vom Projekt „A Wall is a Screen“ (Eine Mauer ist eine Leinwand) die etwa vierzig Besucher, die sich eingefunden haben. Um sie herum tobt der Verkehr. Autos der Marke Tata, Motor- und Fahrradrikschas. Ein Hupkonzert, mit dem die aufgestellten Lautsprecher so gerade eben mithalten können. Nach einigen Kurzfilmen geht es an einen anderen Platz. Es gibt viele Mauern in der Defence Colony.

Die Defence Colony gilt als bessere Gegend. Drei- bis vierstöckige Häuser, von denen manche ebenso gut in Eschborn stehen könnten, während andere scheinbar nur von den Werbeschildern an ihrer Front zusammengehalten werden. Es ist ein winzig kleiner Ausschnitt Delhis, dieses unfassbar großen Gebildes aus Stein und Menschen. Lajpat Nagar, wo ich wohne, ist nur zehn Minuten mit der Motorrikscha entfernt. Ein Einkaufsviertel so groß wie Bockenheim und Rödelheim zusammen. Geschäft neben Geschäft. Dazwischen ein riesiger Basar für alle, die in den Läden nicht fündig geworden sind.

In meinem E-Mail-Fach sammeln sich nach knapp einer Woche die Anfragen. „Wie ist es in Delhi?“ Der bislang einzige Versuch einer Antwort hat mich fast zwei Stunden gekostet. Delhi, das sind unzählige Märkte. Geschäftige Menschenmassen, die den einsamen Besucher aus Europa meist ignorieren, weil in dieser Stadt tatsächlich jeder irgendeine Art von Geschäft zu verfolgen scheint. Delhi, das sind lange Schlangen vor den zentralen U Bahn- Stationen, den Tempeln, manchmal auch vor den Märkten, wo immer ein Sturmgewehr der Central Indian Security Force auf dich gerichtet ist, während der Polizist dahinter den Blick schweifen lässt. Das sind die engen Gassen und Stromkabelnester am Chawari Bazar, die von Mauern geschützten besseren Wohnviertel abseits der Innenstadt, die unglaubliche Stille im Garten des Red Fort, die Männer, die in einem alten Brückenpfeiler schlafen, der Kioskbesitzer, der mit dir am liebsten eine Stunde über Deutschland reden möchte. Delhi, mit seiner Armut, dem Smog, dem irren Verkehrslärm, kann dir nach vier Tagen schon zu viel sein. Und gleichzeitig bekommst du nicht genug von den Farben, den Gesichtern, den hinter jeder Ecke lauernden Geschichten.

„A Wall is a Screen“ zieht von Wand zu Wand, sieben sind es an diesem Abend. Am Schluss ist die Menge auf etwa 100 Personen angewachsen. Ein Kurzfilm zeigt zwei Filmvorführer aus Kolkata, deren Kino aus einem auf einen Karren geschraubten Kasten mit Gucklöchern besteht. Applaus brandet auf. „Unterhaltung brauchen wir in Delhi, wo das alltäglich Leben so schwer sein kann“, sagt Ritu Khanna, Übersetzerin am Goethe-Institut. Härte und Unterhaltung. Auch das beschreibt Delhi, teilweise.

Danijel Majic
veröffentlicht am 16. November 2011 in der Frankfurter Rundschau.