Leipzig

Leipzig, 21.11.2011: Wachstum statt Schrumpfung

 © Raghunandan im Interview mit Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung © Foto: André KempnerOberbürgermeister Burkhard Jung zu Bevölkerung, Arbeitsplätzen, Wirtschaft, Tourismus und Flughafen.

Leipzig, nach der Hauptstadt Berlin zweitgrößte Stadt im Osten, bewahrt mit Stolz die traditionsreiche deutsche Kultur und gibt Zeugnis deutscher Geschichte. Gegen Ende meines einmonatigen Aufenthaltes in Leipzig hatte ich Gelegenheit, Oberbürgermeister Burkhard Jung zu befragen. Während des halbstündigen Interviews sprach der freundliche Bürgermeister über die Herausforderungen und wie er diesen begegnen will. Auch lud er mich ein, mich gemeinsam mit ihm auf dem Balkon des Rathauses fotografieren zu lassen – ein Privileg, das normalerweise Staatsbesuchern vorbehalten ist.

P M Raghunandan: Es hat mich beeindruckt, wie man die Denkmäler und historisch bedeutsamen Gebäude hier restauriert und erhalten hat. Wie ist Ihnen das gelungen?

Burkhard Jung: Wir haben in Leipzig rund 15 000 denkmalgeschützte Bauten. Darauf sind wir sehr stolz. Das ist ein kostbares Zeugnis unserer Geschichte. Die meisten davon werden von Privatpersonen und Firmen instand gehalten und wir haben strenge Auflagen eingeführt, um sicherzustellen, dass dies fachgerecht geschieht. Die Stadtverwaltung ist für viele der wichtigen Baudenkmäler zuständig. In den 1990er Jahren haben wir rund sechs Milliarden Euro investiert, um sie zu restaurieren.

Mit seiner reichen Geschichte zieht Leipzig viele Touristen aus aller Welt an. Doch in vielen Museen gibt es nur deutschsprachige Informationen. Denken Sie nicht, dass sich das nachteilig auswirkt?

Burkhard Jung: Ja, da gibt es Nachholbedarf. Es ist wichtig, dass wir mehr Informationen auch auf Englisch und in anderen Sprachen zugänglich machen. Auch die Speisekarten in einigen Restaurants sind lediglich auf Deutsch. Ich freue mich aber auch, sagen zu können, dass sich in den letzten Jahren vieles geändert hat. Gleichwohl gibt es noch viel zu tun und wir werden die geeigneten Maßnahmen ergreifen, um unseren Besuchern, vor allem den Touristen, ihren Aufenthalt noch angenehmer zu gestalten.

Denken Sie nicht, dass Leipzig als wichtiger touristischer Standort einen internationalen Flughafen haben sollte?

Burkhard Jung: Ja, da haben wir Bedarf. Das hängt auch von der Zahl der Passagiere ab. Ich hoffe, dass es hier im November zu einem kleinen Durchbruch kommt. Dann gibt es von hier Direktflüge nach London, Paris, Wien und Rom. Ich hoffe, dass weitere Verbindungen hinzukommen.

Leipzig wird als schrumpfende Stadt bezeichnet. Wie wollen Sie diesem Problem begegnen?

Burkhard Jung: Dieses Problem hatte die Stadt vor längerer Zeit. Heute wächst sie. Die Bevölkerungszahl steigt. Die Geburten und Sterberaten sind im Moment fast ausgeglichen. Menschen aus anderen kleineren Städten, die nach Chancen suchen, kommen nach Leipzig. Wir schaffen immer mehr Beschäftigung. Die Schrumpfung findet heute nicht mehr statt. Wir gehen davon aus, dass die Bevölkerung bis 2025 auf 550 000 ansteigen wird. Mir ist natürlich bewusst, dass das gegenüber dem Wachstum indischer Städte vergleichsweise wenig ist.

Was tun Sie, um Arbeitsplätze zu schaffen und so der Abwanderung junger Menschen nach der Ausbildung in die größeren westdeutschen Städte entgegenzuwirken?

Burkhard Jung: Wir sehen in fünf Schwerpunkt-Cluster und Innovationsbranchen – Automobil, Biotechnologie, Logistik, Energie und Gesundheitswirtschaft – das nötige Wachstumspotenzial für die Schaffung von Arbeitsplätzen. Und wir werben hier sehr tatkräftig um Investitionen. Wir haben bereits viel erreicht und hoffen, die Arbeitslosenquote, die heute bei elf Prozent liegt, bis 2012 auf unter zehn Prozent senken zu können. Mein Ziel ist, dass Leipzig auf eigenständigen Füßen stehen kann und in wirtschaftlicher Hinsicht bis 2019 mit den Städten in Westdeutschland gleichziehen kann.

Wie möchten Sie, dass Leipzig in der Welt gesehen wird – als touristisches Ziel oder als Zentrum für Wirtschaft und Handel?

Burkhard Jung: Beides. Wir haben uns schon vor langem als touristische Kultur-Stadt etabliert. Heute konzentrieren wir uns darauf, uns als Wirtschaftsstandort zu profilieren. Eine dynamische und wachsende Wirtschaft ist eine notwendige Voraussetzung für das gesunde Wachstum der Stadt. Ich kann mit Stolz sagen, dass es uns gelungen ist, die Arbeitslosigkeit in den vergangenen fünf Jahren von 20 Prozent um zehn Prozent zu senken.

Das Interview führte P M Raghunandan.
Veröffentlicht am 21. November 2011 in der Leipziger Volkszeitung.
Übersetzt von Angela Selter.