Leipzig

Leipzig, 26.10.2011: Tata, Bye-Bye, auf Wiedersehen!

 © Kurz vor der Rückreise nach Indien: Raghunandan auf dem Panorama-Tower in Leipzig © Foto: Kerstin Decker Nach vier Wochen in Leipzig ist unser indischer Gastjournalist PM Raghunandan inzwischen wieder zu Hause in Bangalore. Unmittelbar vor seinem Heimflug fasste der Chefreporter des Deccan Herald seine Eindrücke zusammen. Der 33-Jährige kam mit gemischten Gefühlen und hatte anfangs Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden – aber am Ende war er traurig, sich von Leipzig verabschieden zu müssen.

Als man mir mitteilte, dass ich auf Einladung des Goethe-Instituts einen Monat in einer deutschen Stadt verbringen würde, hatte ich Berlin oder München vor Augen – und war enttäuscht, als ich erfuhr, dass ich in eine wenig bekannte ostdeutsche Stadt namens Leipzig reisen würde. Es dauerte sogar eine gewisse Zeit, bis ich „Leipzig“ richtig aussprechen konnte.

Meine Freunde, die Deutschland kennen, zeichneten ein eher negatives Bild der Stadt. Mir wurde erzählt, dass Leipzig eine alte Stadt sei, in der nur alte Menschen lebten und aufgrund der Arbeitslosigkeit eine gedrückte Stimmung herrsche. So war ich vor meinem einmonatigen Aufenthalt in der fremden Stadt doch etwas besorgt. Meine turbulente Anreise von Bangalore machte es nicht besser. In München verpasste ich den Anschlussflug nach Leipzig, da sich mein Flug von Doha nach München bereits verspätet hatte, und als ich dann endlich an einem nassen, kalten Abend in Leipzig landete, stellte ich am Flughafen fest, dass mein Gepäck verloren gegangen war. Als ich in der Hoffnung, mein Gepäck wiederzubekommen, aus dem Flughafen heraustrat, wurde ich von LVZ-Redakteurin Kerstin Decker und ihrer Familie empfangen, die mir zusicherten, dass alles gut werden würde.

Das ist jetzt vier Wochen her, und mein Bild der Stadt hat sich komplett gewandelt – Leipzig ist modern und dynamisch mit breiten, gut ausgebauten Bürgersteigen, Fahrradwegen und Straßen, einem gut funktionierenden Straßenbahnnetz, schönen Einkaufsgalerien, Straßencafés und Biergärten, beeindruckend restaurierten Denkmälern und historisch bedeutsamen Gebäuden sowie vielen Grünflächen. Diese Stadt mit nur einer halben Million Einwohnern ist frei von jeder Umweltverschmutzung. Auch das Wetter war an den meisten Tagen recht warm und sonnig.

Anfangs war mir die Stadt ein Rätsel. Mich zurechtzufinden erschien mir enorm schwierig, da ich die Sprache nicht verstand und fast niemand Englisch sprach. Ich hatte Angst, die Straße zu überqueren, da die Fahrzeuge hier auf der rechten Seite fahren. Die Straßenbahnen fuhren so nah an mir vorbei, dass ich manchmal glaubte, ich würde gleich überfahren. Am Anfang graute mir vor den Wochenenden. Die Straßen sind allesamt wie leer gefegt und die Geschäfte geschlossen. Aber ich lernte schnell, wie man in dieser Stadt überlebt, und fand dann auch heraus, wie viele Annehmlichkeiten sie bietet. Im Großen und Ganzen finde ich mich jetzt mühelos zurecht. Ich habe ein paar deutsche Worte aufgeschnappt, wie tschüss, danke, bitte. Inzwischen machen mir auch die langen Fußwege durch die ruhige, saubere Stadt Spaß.

Ich hatte Gelegenheit, die Familien von Kerstin Decker und von Stadtrat Konrad Kretschmar kennen zu lernen. Alle waren sehr freundlich und liebenswürdig zu mir. Sie hatten großes Interesse, mehr über Land und Leute und einige besondere Lebensgewohnheiten in Indien zu erfahren. Dank der weit verbreiteten Leipziger Volkszeitung bin ich so etwas wie eine prominente Persönlichkeit geworden. Wohin ich auch kam, erkannten mich die Leute als den Inder, der für die LVZ schreibt. Diejenigen, die kein Englisch sprachen, wie etwa ein Kellner in dem Lokal, in dem ich jeden Tag mein Frühstück zu mir nahm, zeigten mir meine Artikel, die veröffentlicht worden waren, und wünschten mir auf Deutsch alles Gute.

Heute ist mein letzter Tag in Leipzig und ich bin traurig, dass ich mich von dieser Stadt verabschieden muss, in der ich nun einen Monat lang zu Hause war. Bevor ich abreise, nehme ich mir aber fest vor, diese kleine schöne Stadt eines Tages wieder zu besuchen.

P M Raghunandan
veröffentlicht am 26. Oktober 2011 in der Leipziger Volkszeitung.
Übersetzt von Angela Selter.