Leipzig

Leipzig, 24.9.2011: Im Glanz des Elefantengottes

 © Eine Ganesh-Statue im Leipziger Zoo © Foto: André KempnerDie historische Stadt Leipzig bietet einen bunten Strauß interessanter und anregender Sehenswürdigkeiten. Neben der beeindruckenden Geschichte, in die hier man eintauchen kann, würde dem indischen Besucher dieser deutschen Stadt gleichwohl etwas fehlen, wenn er nicht auch den berühmten Leipziger Zoo aufgesucht hätte.

Da die Menschen in meiner indischen Heimat in enger Verbindung mit der Natur leben, stand ein Zoobesuch, als ich hier ankam, eigentlich nicht auf meiner Liste. Doch als ich einige Broschüren über den Zoo überflog, erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass es dort eine Elefantenanlage namens „Ganesha Mandir“ (Tempel des meistangebeteten und beliebtesten Gottes der Hindus, Lord Ganesha) gibt. Wie die meisten hinduistischen Inder bin ich ein treuer Verehrer des Elefantengottes und habe als Glücksbringer stets ein Bild von Ganesha bei mir. So traute ich meinen Augen einen Moment lang nicht. Ich musste noch mal hinschauen, um mich zu vergewissern, dass es im Leipziger Zoo tatsächlich einen Ganesha-Tempel gibt. Und dann musste ich einfach hin.

Der „Ganesha Mandir“ wurde 1996 erbaut und ist eine der modernsten Anlagen des Leipziger Zoos. Da alle Elefanten dort aus asiatischen Ländern, darunter Indien, kommen, hat man die Anlage in Form eines verfallenen asiatischen Tempels gestaltet. Zurzeit werden sechs Elefanten im Mandir gehalten. Eine große Darstellung des Lord Ganesha befindet sich an einer Stelle, von der man auf den Außenbereich blickt. Die weitläufige Freilauffläche ist wunderschön gestaltet, mit kaskadenartigen Wasserfällen, großen Bäumen und einem kleinen Teich, der den riesigen Tieren dennoch genug Platz zum Baden und Spielen bietet.

Doch von den größten an Land lebenden Tieren war leider keine Spur zu sehen. Meine Kollegin Kerstin Decker las meine Gedanken. Lächelnd sagte sie: „Warte ab, du wirst nicht enttäuscht sein“. Dann führte sie mich in einen Tunnel, der höhlenartig gestaltet war und zu einem Innengehege führte. Hier sah ich Elefanten, die sich gerade genussvoll grünes Gras einverleibten. Die hochmoderne Innenanlage wurde mit dem Ziel konzipiert, die Tropentiere im gemäßigten europäischen Klima zu schützen. Der Bereich ist bis auf eine Öffnung, durch die die Tiere hinein- und hinausgehen können, vollständig geschlossen. Im Inneren ist es warm, dafür sorgen Solarzellen auf dem Dach. Es gibt einen Teich, der mit warmem Wasser befüllt ist, dessen Temperatur, wie man mir sagte, je nach örtlicher Wetterlage reguliert wird.

Anders als in indischen Zoos, in denen die Tiere meist in Käfige gesperrt sind, werden die Tiere im Leipziger Zoo in Freianlagen mit üppigem Baumbestand gehalten, in denen sie sich wie in der Wildnis frei bewegen können. Es gibt dort rund 850 Tiergattungen aus aller Welt. Das ist aber noch nicht alles: eine Besonderheit des Leipziger Zoos ist das „Gondwanaland“, wo man Tiere und Pflanzen des tropischen Regenwaldes aus drei Kontinenten – Asien, Afrika und Südamerika – entdecken kann: alles unter einem Dach. Dort im Gondwanaland sinnierte ich darüber, wie das Leben wohl war, als alle drei Kontinente vor Abermillionen von Jahren eine zusammenhängende Landmasse bildeten.

Meiner Meinung nach sollten Tierrechtler, die gegen den Tieraustausch zwischen Zoos sind und insbesondere die Haltung von Tieren aus Tropenregionen in gemäßigten Klimazonen und umgekehrt ablehnen, dem Zoo in Leipzig einmal einen Besuch abstatten. Und für alle Verehrer Ganeshas aus Indien – wie mich – ist der Leipziger Zoo ein Muss.

P M Raghunandan
veröffentlicht am 24. September 2011 in der Leipziger Volkszeitung.

Übersetzt von Angela Selter.