Leipzig

Leipzig, 22.9.2011: Was es mit Kaffee auf sich hat

 © P M Raghunandan in einem Leipziger Kaffee © Foto: Leipziger VolkszeitungAn einem kühlen Abend machte ich mich auf den Weg, um die Kulturstadt Leipzig zu erkunden. Inmitten von Museen, historischen Gebäuden und Denkmälern überraschte mich der Anblick unzähliger Cafés auf dem Marktplatz im Herzen der Stadt. Menschen allen Alters genossen ihre abendliche Tasse Kaffee.

Da ich selbst aus Kodagu (unweit von Bangalore in Indien) komme, einer Gegend, die man auch als „Coffee Land“ bezeichnet, stellte ich mir angesichts der Szenerie auf dem Marktplatz die Frage, warum den Leipzigern ihr Kaffee so wichtig ist. Also beschloss ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Wie ich zu meiner großen Überraschung von einem freundlichen Passanten erfuhr, ist die Liebe der Stadt Leipzig zum Kaffee schon Jahrhunderte alt. So gibt es dort auch einige sehr alte Kaffeehäuser, die höchst erlesenen Kaffee anbieten. Dieses neu erworbene Wissen verwandelte meine Neugier in den dringenden Wunsch nach einer Geschmacksprobe in diesem fremden Land. Man empfahl mir den berühmten „Kaffeebaum“, der auf das 18. Jahrhundert zurückgeht.

Nachdem ich kreuz und quer durch die schmalen Gassen gelaufen war, fand ich den „Kaffeebaum“ in einem alten, aber schönen, denkmalartigen Gebäude. Ein gemütliches, kerzenerleuchtetes Lokal, im Hintergrund klassische Musik. Alte Schwarz-Weiß-Photographien von vermutlich wichtigen Persönlichkeiten an den Wänden. Darunter auch ein Bild des berühmten Komponisten Richard Wagner. Wagner im Kaffeehaus? Ein weiteres Rätsel, das es zu lösen galt, um zu erkunden, was es mit dem Kaffee in Leipzig auf sich hat.

Da kam schon ein Kellner mit einem Lächeln auf mich zu, führte mich zu einem Platz und brachte mir die sehr umfangreiche Karte. Ich überflog die Seiten, verstand aber praktisch nichts, außer dem Wort KAFFEE, das dem Namen der einzelnen Sorten jeweils angehängt war. Der Kellner erkannte meine missliche Lage: er begann, mir jede einzelne Kaffeesorte zu erklären. Ich unterbrach ihn und bat ihn, mir einfach etwas Traditionelles, eine Spezialität des Hauses zu bringen. Und ich bat um einen Kaffee mit Milch – die meisten Inder trinken den Kaffee mit Milch. Er nickte und brachte innerhalb von Sekunden ein Tablett, auf dem zwei Tassen standen – eine mit schwarzem Kaffee, die andere mit Milch. Vom Aroma des Kaffees war ich einen Moment lang fast benommen.

Bevor ich den ersten Schluck probierte, schien mir der rechte Augenblick gekommen zu sein, um das letzte Rätsel zu lösen. Ich verwickelte den Kellner, der ganz gut Englisch sprach, in ein Gespräch. Als er mir die Bedeutung des Kaffeehauses erklärte, und was es in Leipzig mit dem Kaffee auf sich hat, war ich fasziniert. Er erklärte mir, dass die Sachsen (Leipzig liegt im deutschen Bundesland Sachsen) ihren Kaffee ebenso lieben und schätzen wie die Bayern ihr Bier und die Franken ihren Wein.

Er erklärte mir, dass die Bürger des Bundeslandes auch als „Kaffeesachsen“ bezeichnet werden und erzählte eine kurze Geschichte dazu: im 18. Jahrhundert weigerten sich die sächsischen Soldaten, ihre preußischen Feinde zu bekämpfen, weil man ihnen keinen Kaffee gegeben hatte. Daraufhin hat Friedrich der Große sie angeblich als „Kaffeesachsen“ bezeichnet. Der Kaffeebaum, sagte er, zählte eine ganze Reihe berühmter Persönlichkeiten zu seinen Stammgästen, darunter Wagner, Johann Gottfried Seume, William Sterndale Bennett, Albert Lortzing, Hector Berlioz… die Aufzählung wollte nicht enden.

Später erfuhr ich, dass es in Leipzig weitere historisch bedeutende Kaffeehäuser gibt. Café-Konditorei Cather, wo berühmte Persönlichkeiten wie Goethe, Schiller und Jean Paul – um nur einige zu nennen – als Stammgäste verkehrten, das Caféhaus Riquet – alle am Marktplatz gelegen. Allein im Bereich des Marktplatzes gibt es mehr als 50 Cafés für jeden Geschmack, von traditionell bis postmodern.

Geschmacklich war meine heiße Tasse Kaffee im Kaffeebaum der reine Genuss, und durchaus vergleichbar mit dem Kaffee, der im berühmten Coffee House in Bangalore ausgeschenkt wird (doch anders als in Leipzig hat man das Vorzeigecafé an der M G Road in Banglore kürzlich abgerissen, um den Weg für ein Einkaufszentrum frei zu machen).

Nicht nur, dass ich den Geschmack des anregenden Getränks noch lange im Mund hatte, es hatte mich erfreulicherweise auch aufgewärmt, was angesichts des schneidend kalten Wetters in dieser deutschen Stadt höchst willkommen war.

Jetzt verstehe ich, warum die Bewohner Leipzigs ihren Kaffee so lieben!

P M Raghunandan
veröffentlicht am 22. September 2011 in der Leipziger Volkszeitung.

Übersetzt von Angela Selter.