Kolkata

Kolkata, 28.2.2012: Ashi Kolkata, du Stadt der Freude!

Schnell, viel zu schnell sind sie vergangen, die 38 Tage in West-Bengalen und Sikkim. Bin ich nun ein Indien-Experte? Sagen wir es mal so: Ich habe viel gelernt von und über Land und Leute.

1,2 Milliarden Menschen wohnen auf dem Subkontinent. Mindestens. Wie gesagt: Ich zweifle diese Zahl an. Die in den Slums werden mit Sicherheit nicht alle mitgezählt, haben mir Freunde und Kollegen in den letzten Wochen immer wieder bestätigt. Wie viele Hundert Millionen es nun mehr sein mögen, spielt indes letztlich keine Rolle.

„Indien hat 20 Prozent der Weltbevölkerung“, hat mir Dipendra Gurung bei meinem Aufenthalt in einem vom WWF unterstützten Öko-Tourismus-Dorf im Darjeeling (oder „Gorkhaland“, wie die Menschen hier in den Bergen zu ihrer Heimat sagen) gesagt: „Aber nur zwei Prozent der Landfläche.“ Ein interessanter Gedanke. Und tatsächlich: Die „weltgrößte Demokratie“, als die man sich gern sieht, besteht nicht nur aus dem Grau der Städte, sondern auch aus erstaunlich viel Grün.

Selbstverständlich gibt es hier Armut. Bittere Armut. Ein Viertel der Bevölkerung West-Bengalens muss hart kämpfen, um täglich zweimal essen zu können, schätzt Amitava Bhattacharya, der mit seiner Organisation „Art for Life“ Perspektiven für die arme Landbevölkerung aufbaut – durch Kunst und Tourismus. Und sicher hätte ich die letzten Wochen über die Spalten dieser Zeitung nur mit Fotos von Elendsquartieren und Bettlern füllen können.

Aber das war mir zuwider. Ich bin nicht zum „Armengucken“ hierher gekommen, was Elend bedeutet, weiß ich auch so. Und ich habe mir auch versagt, Rikscha zu fahren. Jemand anderen für mich den Karren ziehen zu lassen, erschien mir zu pervers. Ich will kein Nachfahre der Kolonialherren sein. Und bin daher aus Solidarität mit den Indern auch nicht ins Victoria Memorial, mit dem die Briten ihre Herrschaft über Calcutta und Indien feierten.

Auf der anderen Seite habe ich mit meinem Rikscha-Verzicht jemand auch ein paar Rupien vorenthalten. Ohnehin zählt zu den Dingen, die man hier relativieren muss, auch die Definition von Armut. Die Rikscha-Fahrer seien vergleichsweise gut situiert, sagt mir zum Beispiel Basav Bhattacharya (mit Amitava weder verwandt noch verschwägert, aber ebenfalls in Sozialprojekten engagiert), auch Bettler sei gar kein so übler Job. Die zählten nicht zu den Ärmsten.

Aber wer dann? Nun, auch die Republik Indien hat eine offizielle Lesart. Die „Powerty Line“, ab der hierzulande die Armut beginnt, liegt auf dem Lande bei 715 Rupien. Knapp über elf Euro. Pro Monat. In der Stadt (wie Calcutta) sind es etwas über 15 Euro. Wer darunter liegt, hat Anspruch auf Sozialhilfe.

Und gleichzeitig reiht sich in Calcutta ein Schmuckladen an den anderen, parken dicke Mercedes und Jaguare direkt neben Bambushütten. Amitava Bhattacharya hat mir von einer Parlamentsdebatte in Delhi erzählt, als ein Abgeordneter vor rund fünf Jahren erklärte, heute sei ein trauriger Tag für Indien. Der Grund? Über den Nachrichtenticker lief die Meldung, ein Inder sei jetzt der reichste Mann der Welt. Amitava stimmt ihm zu: „Das entspricht nicht unserer Seele. Wir haben uns über Jahrtausende nie über Geld definiert.“

Apropos Geld: Was ebenso erstaunlich wie erfreulich ist – in Indien gibt es eine breite gesellschaftliche Debatte über Korruption, die die Mächtigen (gleich welcher politischer Couleur) nicht mehr in den Griff bekommen. Da ist das Wort von der „größten Demokratie der Welt“ wirklich mal berechtigt (wobei Indien zugleich eine Hochburg der Demokratie und ein Polizeistaat zu sein scheint). In den Kirchen wird für die Befreiung von dieser Geißel gebetet, und auch in den Alltagsgesprächen ist dies ein Thema.

Der Weg aus der Armut führt nur über Bildung

Der Hungerstreik des Aktivisten Anna Hazare im Stile eines Mahatma Gandhi hat eine Lawine des Protestes ausgelöst, die sich wohl nicht mehr bändigen lässt. Dieses (neue) Bewusstsein wünscht man sich ab und an auch für Deutschland, auch wenn die Bundesrepublik auf der Negativ-Rangliste von Transparency International einen scheinbar respektablen Platz 15 einnimmt, während der Subkontinent (punktgleich mit Albanien, Dschibuti und Liberia) als Nummer 87 firmiert. Zum Vergleich: China, der große Konkurrent, rangiert auf 78. Da gibt es mithin keine großen Unterschiede.

Diese Rebellion gegen die Mächtigen, die Indien seit dem Abschied der Briten aussaugen, hat aber ganz wesentlich mit einem Aspekt zu tun: Bildung. Man kann nur darüber staunen, welche Wertschätzung dieser Sektor dort erfährt. Während deutsche Kinder oft darüber jammern, schon wieder in die Schule gehen und Hausaufgaben machen zu müssen, so freuen sich die Buben und Mädchen in Indien darüber.

Denn immer mehr wissen: Der Weg aus Armut und Elend führt nur über das Wissen. Eltern in den Slums oder in den Lehmhütten auf dem Lande schränken sich (noch mehr) ein, um ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Und das hat ja auch schon positive Folgen: Die „Computer-Inder“ sind nur ein Beispiel dafür, wie gut ausgebildet der Nachwuchs auf dem Subkontinent mittlerweile ist. Es schlägt sich aber auch ganz konkret im Alltag nieder: Wer lesen und schreiben kann, wer darüber hinaus sich auch noch politisches Wissen anzueignen vermochte, der weiß auch über seine Rechte Bescheid, der lässt sich nicht mehr alles gefallen.

Die erst vor etwas mehr als zwei Jahren bundesweit eingeführte Schulpflicht könnte da eine Rebellion oder gar eine Revolution eingeläutet haben. Die Anti-Korruptions-Volksbewegung wurde von vielen meiner Gesprächspartner zum Beispiel gerade mit dem mittlerweile höheren Bildungsniveau erklärt. Aber das macht sich auch auf einem anderen Gebiet bemerkbar: Wer die Schule besucht hat, bekommt weniger Kinder. „Mein Großvater hatte noch 16 Buben und Mädchen“, hat mir Dipendra Gurung erzählt: „Meine Brüder höchstens zwei Kinder.“

Auch der Stellenwert der Kultur in Calcutta kann einen begeistern: Während das Bemühen, Friedrich Hölderlin im Bewusstsein der Stadt Nürtingen zu verankern, doch zuweilen etwas sehr aufgesetzt und gekünstelt anmutet, so gehört Literatur-Nobelpreisträger Rabindranath Tagore ganz selbstverständlich zum Leben der Bengalen dazu. Sogar junge Leute singen, wenn sie sich zur Fete treffen, dessen rund hundert Jahre alte Lieder. Eine Party mit Hölderlin-Gedichten? Das wäre wohl am Neckar unvorstellbar.

In puncto Zufriedenheit können Deutsche von den Indern viel lernen

„The City of Joy“ („Die Stadt der Freude“) – so sieht sich Calcutta selbst. In den ersten Tagen mag man sich denken: „Die spinnen, die Inder!“ Aber wenn man sich mal eingelebt hat, dann spürt man: Das stimmt tatsächlich! Griesgrämige Leute habe ich den fast sechs Wochen so gut wie nie erlebt. Während die Deutschen immer alles hundertprozentig haben wollen und schon bei 97 Prozent jammern und von einem Skandal reden, sind die Menschen in Calcutta mit zehn Prozent zufrieden und glücklich. Wohlgemerkt: Das heißt nicht, alles klaglos hinnehmen zu müssen. Aber wenn es darum geht, das wahre Leben richtig einzuordnen, dann können wir von den Menschen in Indien noch sehr, sehr viel lernen.

„Ashi“, sagen die Bengalen, wenn sie sich verabschieden: „Ich gehe.“ Worauf die Antwort kommt: „Abar esho!“ Komm wieder! Wie oft ich diesen Satz in der vergangenen Woche gehört habe, kann ich gar nicht mehr zählen. Und es hat mich sehr gefreut. „Niemals geht man so ganz“, hat Trude Herr dereinst gesungen. Das gilt auch hier: „Irgendwas von mir bleibt hier – es hat seinen Platz immer bei dir.“

Jürgen Gerrmann
veröffentlicht am 28.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung