Kolkata

Kolkata, 25.2.2012: Die Nürtinger Nähmaschinen

Es gibt Tage, an denen wird die Welt sichtbar ein kleines Stückchen besser. Zum Beispiel den, als eine Leserin unserer Zeitung den Entschluss fasste, Artikel nicht nur zu lesen, sondern auch die Konsequenz daraus zu ziehen. Ihr Wunsch ist bereits in die Tat umgesetzt: Frauen auf dem Lande eine neue Perspektive zu eröffnen.

Eine Rundfunk-Reportage hatte Gisela Schulze nicht mehr ruhen lassen: Ausführlich war darüber berichtet worden, in welchem Elend Frauen auf dem Lande in Indien leben müssten und oft keinerlei Chance hätten, irgendwie Hoffnung zu schöpfen. Und dann wurde doch eine positive Ausnahme skizziert: Eine Frau, die nähen könne und eine Maschine dazu habe, vermöge in der Regel ihre ganze Familie zu ernähren. Diese Idee ließ sie nicht mehr los, sie wollte unbedingt einer Frau in Indien ein solches Gerät zukommen lassen. Mehrere Anläufe gab es, aber nie klappte es.

Der vom Goethe-Institut initiierte Journalisten- Austausch zwischen unserer Zeitung und der Times of India entpuppte sich da für die Nürtingerin fast zum Geschenk des Himmels. „Können Sie mir nicht helfen?“, fragte sie über das Blog www.zurzeit- calcutta.de im Internet. Und wie es der Zufall wollte, war ich nur zwei Tage zuvor im kleinen Dörfchen Karanjali unterwegs. Basav Bhattacharya, Journalist, PR-Berater und Aktivist des World Wildlife Fund (WWF), der schon einige Sozialprojekte auf den Weg gebracht hat, hat dort mit seiner kleinen Organisation „Sporsho“ (das bedeutet auf Bengali „wunderschöne Berührung“) einen großen Traum: eine Nähschule soll jungen Frauen helfen, selbständig zu werden und ihre Produkte auf den Märkten der Umgebung, aber auch in Calcutta an den Mann und die Frau zu bringen. Mit einer Stickerei-Kooperative junger Männer hat dies ja schon funktioniert (wir berichteten vor Kurzem auf unserer Reportagenseite unter dem Titel „Der gute Mensch von Karanjali“).

Das ist ja eine ganz erstaunliche Parallele zur Schwäbischen Alb: Gustav Werner und andere hatten gerade mit diesem Konzept im 19. Jahrhundert vielen Frauen eine Perspektive geschenkt. „Nürtingen hat unseren Traum wahr werden lassen“, strahlen Basav Bhattacharya und seine Mitarbeiterin Mandira Mitra, deren Großmutter die Kurse für die jungen Frauen geben wird. Selbstverständlich unentgeltlich.

Ein neuer Traum: Entwicklungshilfe direkt von Mensch zu Mensch

Aber das ist nicht der einzige Traum der beiden. Basavs Vision ist Entwicklungshilfe von Mensch zu Mensch, auf Augenhöhe, im Geiste der weltweiten Geschwisterlichkeit. Und da er mit Nürtingen bisher so gute Erfahrungen gemacht hat, könnte er sich durchaus vorstellen, dies noch auszubauen.

Den Flug nach Calcutta kann „Sporsho“ natürlich nicht bezahlen. Dafür müssten die Menschen, die sich vorstellen könnten, hier mitzumachen, schon selbst aufkommen: „Aber wenn sie dann bei uns sind, dann sind sie unser Gast, wohnen mit uns und essen mit uns.“ Das Domizil darf man sich natürlich nicht als Hotel vorstellen. Es ist eine einfache Unterkunft, auch mit ganz einfachen sanitären Einrichtungen. Aber beim Essen ziehen die Bengalen alle Register, um ihre Gäste zu verwöhnen.

Die Palette, auf der sich Basav ein Miteinander vorstellen könnte, ist überaus breit: Da wären zum Beispiel Ärzte, die sich in erster Linie mal Mütter mit Kindern anschauen. Oder Krankenschwestern oder pfleger, die ihr Wissen an Menschen im Dorf weitergeben möchten. Oder auch Handwerker, die mit ihren Fähigkeiten auch viel Gutes bewirken können: an Schreiner oder Zimmerleute denkt Basav da ebenso wie an Leute, die anderen beibringen können, kaputte Maschinen zu reparieren (auf dem Land in Bengalen ganz wichtig). Auch wer weiß, wie man töpfert oder Bettzeug näht, ist hochwillkommen. Und ganz begeistert war der Mann aus Calcutta auch, als er vom Studiengang Landwirtschaft der Fachhochschule hörte: Vielleicht lasse sich da ja ein Projekt zwischen Studenten und den Bauern von Karanjali schmieden.

Träume über Träume, gewiss. Aber das Beispiel von Gisela Schulzes Nähmaschinen zeigt ja: Manche können auch wahr werden. Seien wir also gespannt.

Jürgen Gerrmann
veröffentlicht am 25.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung