Kolkata

Kolkata, 21.2.2012: „Kultur schützt vor Menschenhandel“

 © Amitava Bhattacharya (Mitte), Tanmoy Bose (links) und Amjad Ali Khan eröffnen die Sufi Sutra 2012 © Foto: Jürgen GerrmannDer Mann in seinem Mini-Büro in Calcuttas Stadtteil Lake Gardens macht, umringt von Aktenbergen, eine ganz erstaunliche Gleichung auf: „Nehmen wir mal an, zwei Dörfer sind gleich bitter arm. Das eine hat ein reiches Kulturleben, das andere so gut wie keins. Dort, wo sich Kunst entfalten kann, gibt es so gut wie keinen Menschenhandel.“

„Mit Kultur heraus aus dem sozialen Elend“ – das ist das große Ziel, dem sich Amitava Bhattacharya seit einem Dutzend Jahren mit seinem Projekt „Banglanatak“ („Bengalische Trommel“) verschrieben hat. Schritt für Schritt ging es voran. Mittlerweile verfügt die Organisation, die auch von der Unesco unterstützt wird, über 72 feste Mitarbeiter, und das absolute Glanzlicht ist die „Sufi Sutra“ – ein Open-Air- Festival in einem wunderschönen Park im Herzen von Calcutta, das vor einigen Tagen vor Tausenden Besuchern seine zweite Auflage erlebte. Auch damit hat Amitava noch einiges vor: Er möchte Calcutta zum Zentrum der Weltmusik machen.

Dabei geht es zwar auch, aber nicht nur um spirituelle Musik. „Sufi Sutra“ möchte echte, unverfälschte Klänge aus allen Kulturen erlebbar machen, ohne Synthesizer und E-Gitarren. Und so sang zwar dieses Jahr Marouanne Hajji aus Marokko den Lobpreis Allahs, aber es war auch Platz für Söndörgö aus Ungarn, die es mit Volksmusik vom Balkan einfach nur krachen lassen.

„Wenn sich Kultur entfalten kann, hat das ganze Dorf den Nutzen.“
Amitava Bhattacharya, Banglanatak

Dass Musik und Malerei zum Sprungbrett aus der Armut werden können, davon ist Amitava zutiefst überzeugt. Spenden allein hülfen nicht, das predigt er immer wieder: „Wenn wir ihnen nur Geld geben, klappt das nicht. Die Menschen brauchen Arbeit und Motivation.“ Spenden sollten daher nur verwendet werden, um Arbeit zu schaffen: „Wir müssen schauen, welche Fähigkeiten die Leute haben, diese stärken und sie dann vermarkten.“ Auch die im Westen so gerühmten Mikro-Kredite seien nur gut, wenn sie den Unternehmungsgeist beflügelten.

Wie viele Arme gibt es überhaupt in West-Bengalen, dessen Hauptstadt Calcutta ist? Amitava peilt über den Daumen: „Vielleicht eine Million, die täglich höchstens ein Essen bekommen. Und dann noch etwa 20 Millionen, bei denen es mit Müh und Not für zwei Mahlzeiten reicht. Das ind unsere beiden Zielgruppen.“

3200 Künstler hat „Banglanatak“ bereits unter seinen Fittichen. Aber in Wahrheit profitieren sieben- bis achtmal so viele Menschen von dieser Initiative: „Das ganze Dorf hat den Nutzen davon.“ All diese Künstler aus dem ländlichen Indien seien Analphabeten (zumindest gewesen). Nun schickten sie ihre Kinder anders als früher üblich zur Schule. Und das macht wiederum Schule und motiviert andere. Die Künstler hätten ihre Kinder früher auch nicht impfen lassen, nach wie vor hat Indien die höchste Kindersterblichkeit der Welt. Nun aber seien die Maler und Musiker auch hier zum Vorbild geworden – und die Gesundheitstage auf dem Land stößen in solchen Dörfern auf immer größere Resonanz.

Daher sei das Wirken von Banglanatak auch ein gutes Werkzeug, der ganzen Gesellschaft im Dorf zu einer Perspektive fürs Leben zu verhelfen. Wenn die Menschen sähen, wie ihre Nachbarn als Künstler reüssierten, dann spürten sie gleichzeitig: „Ja, wir können es schaffen. Es ist möglich!“

Doch nicht nur der Armut hat Amitava Bhattacharya den Kampf angesagt. Ein weiteres Problem, das offiziell eher verschwiegen werde, sei der Menschenhandel. „Auch bei uns werden Kinder zur Zwangsarbeit verschleppt. So was gibt es nicht nur in Bangladesch.“

Da mache man zum Beispiel Eltern im bitterarmen Jharkand, wo noch viele Ureinwohner des Subkontinents leben, Versprechungen, dass ihre Kinder in Delhi oder anderen Industriezentren eine goldene Zukunft hätten – dort aber beute man sie aus. 92 Prozent des Menschenhandels liefen innerhalb Indiens ab, sagt Amitava. Wobei es in West-Bengalen nicht so sehr um Kinderarbeit gehe. Sondern vielmehr um „Kinderheirat“. Was ist das? „Da kommt jemand aus der Stadt und sagt ,Ihr habt so eine schöne Tochter, ich will sie heiraten‘. Die Eltern sind ganz begeistert, dass sie keine Mitgift zahlen müssen und geben ihr Mädchen auf der Stelle weg.“ Aber die Männer aus der Stadt gehen mit ihnen dort nicht etwa zum Standesbeamten, sondern verkaufen sie. An Zuhälter. Und statt eine Familie gründen zu können, müssen sie auf den Strich: „Gerade bei uns und im Darjeeling ist diese Gefahr riesengroß.“

Bei seinen Reisen über die Dörfer ist ihm daher aufgegangen, dass Gemeinschaften mit hoher Kultur viel, viel besser dagegen geschützt seien: „Es geht dabei nicht nur um die Künstler, sondern auch um die Zuschauer.“ Fehle die Kultur daheim, hätten die Menschen keine Motivation zu bleiben und wollten nur noch weg: „Dann aber haben die Menschenhändler leichtes Spiel.“

Als Beweis für seine Theorie führt Bhattacharya Purulia an – eine bitterarme Region mit sehr vielen „Adivasi“ (ebenjenen Eingeborenen, die von der Hindu-Kultur ausgestoßen wurden). Dort gebe es fast jeden Abend ein Konzert oder eine Tanzvorführung, manche Gruppen kämen sogar auf 270 Auftritte im Jahr. „So begehrt sind die.“ Und das Interessante: „Dort existiert fast kein Menschenhandel.“ – 2004, als Banglanatak mit seinem Projekt „Art for Life“ seine Arbeit aufgenommen habe, habe es dort gerade mal 23 Ensembles gegeben, die den traditionellen Chhau-Tanz praktiziert hätten. Mittlerweile seien es 147.

Für Amitava ist dieser Erfolg aber kein Grund zur Überheblichkeit. Er bleibt bescheiden: „Wir sind nur der Katalysator, um die Menschen zu unterstützen, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.“ So veranstaltet „Art for Life“ mittlerweile in jedem Dorf, in dem man aktiv ist, ein Festival. Alle 3200 Künstler hat Banglanatak samt deren Familien krankenversichert. Zudem hat man Zentren gebaut, in denen die Musiker üben und auch auftreten könnten: „Aber dieses Gebäude gehört dann der Dorfgemeinschaft. Die erhalten das. Das ist unser Prinzip.“ Amitava hat einen unerschütterlichen Glauben an das ländliche Indien und dessen Zukunft: „Wenn sich die Bildung jetzt dort breitmacht und die Fähigkeiten der Menschen vor Ort sich entfalten können, dann kommt die wahre Stärke Indiens zum Tragen. Nämlich die Ehrlichkeit der Menschen dort. Dann verschwindet auch die Korruption in den Städten.“ Bisher habe man in Indien die Menschen vom Land nur als Quelle für billige Arbeitskräfte gesehen: „Aber wir müssen sie als Saatkörner für gutes Unternehmertum verstehen.“

Jürgen Gerrmann
veröffentlicht am 21.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung