Kolkata, 17.2.2012: Kolkatas größte Negativwerbung

Der größte Pluspunkt von Kolkata (wie die Inder zu ihrer Stadt selbst sagen) sind die Menschen mit ihrer unglaublichen Herzlichkeit. Es gibt dabei nur eine einzige Ausnahme. Allerdings eine sehr große und sehr bedeutende: die Taxifahrer. Denn die können selbst den friedlichsten Zeitgenossen regelrecht zur Weißglut treiben.
Nicht deswegen, weil es in den alten Ambassadors gewaltig rumpelt und schaukelt, wenn sie von Schlagloch zu Schlagloch rasen, nicht, weil sie quasi sekündlich einen Unfall riskieren. Auch dass sie von einem Straßenhändler während eines Autostopps an der Ampel ein Tütchen mit undefinierbarem Pulver kaufen, es sich bei in den Nacken gekipptem Kopf in den offenen Mund schütten, dann ein paar Minuten drauf herumkauen, um es dann in voller Fahrt durch das geöffnete Fenster nach außen zu spucken, mag ja noch angehen. So sind halt die Sitten hier. Nach Einschätzung meines Kollegen von der Grafik, Debashish Mukherjee, handelte es sich übrigens bei dem Zeug wohl um Kautabak.
Das Empörende an der Geschichte ist, dass diese Zeitgenossen in ihren zuweilen abenteuerlichen Gefährten mit der größten Selbstverständlichkeit davon ausgehen, dass Menschen mit weißer Haut (die deswegen natürlich leicht als Ausländer identifizierbar sind) in erster Linie dazu da sind, um sie übers Ohr zu hauen, indem man am Hugli absolute Mondpreise verlangt. Und ihr Einfallsreichtum da ist geradezu phänomenal.
„Fahr nur nach Taxometer!“, haben mir meine Kollegen daher geraten. Und nach ein paar hanebüchenen Erfahrungen halte ich mich nun daran. Zunächst zieren die Taxler sich zwar, aber wenn man dann die Klinke der Autotür in die Hand nimmt, um das Vehikel zu verlassen, drücken sie halt doch den Knopf auf dem Zähler.
Dass mit 250 Rupien erst mal das Fünffache von dem verlangt wird, was es eigentlich kostet, ist eher die Regel als die Ausnahme. Die, deren Kostenvoranschlag auf das Doppelte hinausläuft, gehören fast schon zu den Seriöseren. Wenn es der Zufall will, dass mich Aditi Guha, die im Frühjahr zum Gegenbesuch nach Nürtingen kommen wird, oder der Ressortleiter Bob Roy anrufen, während das Gezerfe mit dem Taxifahrer im Gange ist, dann reiche ich den Hörer an den Mann am Steuer weiter. Denn so fit, wie der Literaturwissenschaftler und Rabindranath-Tagore-Experte Dr. Martin Kämpchen, der den Großteil des Jahres in Shantiniketan (dem Wohnort des Nobelpreisträgers) lebt und perfekt Bengali spricht, bin ich natürlich nicht. Nach den ersten Worten in ihrer Heimatsprache getrauen es sich die Lenker des Ambassadors nicht mehr, so unverfroren zu sein.
Doch trotz Aditis und Bobs deutlicher Worte ist man natürlich nicht vor neuen Tricks gefeit. Neulich wollte ich zum Beispiel zum Tempel der Göttin Kali in Dakshineswar im Norden Calcuttas. Natürlich ging das Tauziehen wieder mit den berühmten 250 Rupien los. Nach Aditis Standpauke schaltete mein Widersacher rechts vorne mürrisch den Taxometer ein. Am Busbahnhof hatte mir ein freundlicher Herr gesagt, das sei nicht mehr weit.
Doch der Mann am Steuer kurvt fleißig hin und her, mal durch kleine Gassen, mal auf sechsspurigen Highways. Und am Stadttor von Dakshineswar lässt er mich nicht einfach aussteigen und sagt mir, den Rest könne ich auch noch zu Fuß gehen, sondern begibt sich geradezu mit Wollust in das chaotische Gewimmel auf dem engen Sträßlein. Von dort steuert er einen Parkplatz an, und da es sich hier um eine Sackgasse handelt, muss er zähneknirschend die Fahrt für beendet erklären. Eine Dreiviertelstunde waren wir unterwegs, auf 250 Rupien hat er es dennoch nicht gebracht.
Der Putzlappen landet ganz zufällig auf dem Taxometer
Das Kopfrechenexempel danach (man muss die Summe auf dem Taxometer verdoppeln und zwei Rupien dazuzählen) ergibt 130 Rupien, er will 160, weil er ja leer zurückfahren müsse. Was purer Unfug ist, und zudem findet er unter den Tausenden Pilgern an diesem Sonntag garantiert jemand, der in die Stadt will. Nun ist meine Geduld am Ende. Ich beharre auf dem korrekten Preis und gebe einen 500-Rupien-Schein hin. Neuer Kommentar: „Ich habe kein Wechselgeld.“ Als ich dann aber die Tür öffne und sage, dann werde ich eben bei den vielen Souvenirläden was kaufen und ihm dann meine Schuld begleichen, zückt er letztlich doch die passenden Scheine aus der Jacke. Ich fühle mich als moralischer Sieger im Nervenkrieg, auch wenn er mich natürlich dennoch gefoppt hat, obwohl ich nur 130 zahle. „Der fährt mit Jürgen sicher kreuz und quer“, hat Aditis Mann Samarjit schon gleich zu ihr gesagt, als sie den Hörer auflegte: „Normal dürfte das höchstens 50 kosten.“
Alles ist aber noch zu toppen. Dieser Tage war ich beim Puppentheater im Goethe-Institut. Anschließend sollte ich noch unbedingt zur Sause der Marketing-Abteilung der Times of India ins „Shisha“. Eigentlich wäre das ein Katzensprung. Der Herr Taxifahrer will 80. Ich sage: „Taxometer!“ Offensichtlich in miesester Stimmung wird das Gerät in Betrieb genommen. Dann müssen die Scheiben von innen geputzt werden. Zufällig fällt der Lappen auf den Taxometer. Nach drei Minuten sind wir am Ziel, nachdem ich zu verstehen gegeben habe, ich wisse sehr wohl, wo wir hinmüssen.
Der Mann am Steuer sagt: „70!“ Aber weil die Tür hinten klemmt, sitze ich neben ihm und hebe den Lumpen von der kleinen schwarzen Box. In roten Ziffern steht da: „10,00“. Nun bin ich schon narret, es gibt nicht mehr als die korrekten 22. Ich verlasse unter einem Schwall von bengalischen Beschimpfungen den Ambassador. Das mag kleinlich erscheinen. Aber manchmal platzt einem eben doch der Kragen. Kleinkrieg live. Wie sagte doch dereinst mein Deutschlehrer zu mir: „So blöd, wie Sie meinen, bin ich dann auch wieder nicht!“
In Momenten wie den Taxifahrten in Calcutta fühle ich mich dem guten Florian Vogt ganz nah.
veröffentlicht am 17.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung