Kolkata, 11.2.2012: Der gute Mensch von Karanjali

Ja, was ist er denn nun, der Mann, der da in seiner alten grauen Hose mit einem Pulli, der eher nicht von Hugo Boss in Metzingen stammt, und dem blau-weiß-grau gestreiften Schal in einem Büro vor mir sitzt, von dessen Wänden der Putz bröckelt, links neben sich einen Safe, von dem ich annehme, er sei gewiss schon zu Queen Victorias Zeiten dort gestanden?
Ist er ein indischer Land-Adliger? Ein Großbauer? So etwas wie die zu Bismarcks Zeiten von den einfachen Leuten im deutschen Kaiserreich so verhassten Landjunker auf ihren Rittergütern? Eine Art Landlord wie zu britischen Kolonialzeiten, die für die Inder alles andere als glückliche Jahre waren?
Ja, was Ashish Ghosh nun eigentlich ist, das ist nicht so leicht zu fassen. Vielleicht ist es ja auch gar nicht so wichtig. Dass sich jemand dem deutschen Schubladensystem entzieht, muss ja nicht unbedingt das Schlechteste sein. Im Gegenteil: Das bedeutet eigentlich einen ziemlich guten Schutz vor Vorurteilen.
Fest steht: Ghoshs Urgroßvater hat den Markt von Karanjali vor 150 Jahren erbaut. Zumindest seit die Briten aus Indien abgezogen sind, hat sich dort nicht viel geändert. Die Farben sind mal ausgebleicht, mal verdreckt, an den Häusern wird auf Äußerlichkeiten wohl ebenso wenig Wert gelegt wie bei den Menschen. Mit europäischen Augen sieht hier manches schmuddelig aus, für indische Augen freilich ist alles völlig normal.
Die Menschen strömen hierher, und auch wenn sich rund um das Anwesen Ashishs, das einen knappen Kilometer entfernt inmitten kleiner Teiche steht (die früher nicht getrennt, sondern miteinander verbunden waren, um wie bei einer mittelalterlichen Wasserburg Schutz zu bieten) nur etwa 20 Häuser gruppieren, so besitzen die 60 Buden an der Nationalstraße 117, die von Haora nach Bakkhali 113 Kilometer in den Süden Westbengalens führt, große Bedeutung.
Acht Nachbardörfer versorge man damit, erzählt Ghosh: Kataberia, Damodarpur, Moleygram, Padmapukur, Tele, Meyanapur, Shyamnagri und Tengrachar. Zur Info: „Acht Dörfer“ machen in Indien immerhin 75 000 Einwohner aus. Da geht also schon die Post ab, wenn die Kunden auf den Markt, der im Grunde selbst ein kleines Dorf ist, strömen. Autos und Busse auf der NH 117 kämpfen sich eher mühsam durch, und wer etwa zu Ashish Ghoshs Haus will, der braucht gute Nerven. Er kommt nur im Schritttempo voran und muss aufpassen, dass er nicht eines der Motorräder oder einen der vom Fahrrad gezogenen Karren, auf deren quadratischen Plateau man hier Waren oder auch Menschen transportiert, streift.
Der Tag an der NH 117 beginnt morgens um 3.30 Uhr – mit dem großen Fischmarkt. Bis um 7 Uhr findet hier entlang der Hauptstraße eine riesige Auktion statt, bei der sowohl die Leute, die im Hugli, dem großen Mündungsarm des Ganges, fischen, als auch die, die im Meer am Golf von Bengalen ihr Glück versuchen, die besten Preise zu erzielen versuchen. Die Käufer schwärmen danach in alle Himmelsrichtungen aus – auch bis zu den Märkten von Calcutta.
Wenn die Fischer wieder abgezogen sind, dann machen die anderen Buden auf: die Gemüsehändler und Devotionalienverkäufer, die Straßenküchen und Ölmühlen, die Schneider und Schreiner, die Fahrrad-Werkstätten und Kopiershops, die Schrotthändler, die Eisenschmiede und Schmuckläden, die Kükenzüchter und Klamottengeschäfte, die Reishändler und Medikamentenverkäufer, die Friseure und Getreidedrescher und so weiter und so fort.
Und jeden Dienstag und jeden Samstag wird dieses Treiben noch bunter: Dann strömen auch noch die Bauern nach Karanjali, um ihre eigenen Produkte auf dem Platz rund um den Tempel der Göttin Kali feilzubieten. Diesen Ansturm nutzen auch die Händler für Sonderangebote, und unter den Menschen ringsum ist bekannt, dass man gerade dienstags und samstags die größten Schnäppchen machen kann.
Zwei „Schichten“ gibt es übrigens auf dem Markt: Um 13.30 Uhr gönnen sich die Händler eine Pause. Zum Mittagessen. Nach zwei Stunden sperren sie dann wieder auf. Gut gestärkt. Denn sie müssen dann nochmal bis um 9 Uhr abends durchhalten.
Aber im Vergleich zu vielen, die keine Arbeit haben, geht es ihnen immer noch gut. „Bildung“ heißt daher auch für Ashish Ghosh das Zauberwort. Deswegen schließt er jetzt erst mal sein Büro zu, um mit dem Gast aus Deutschland den Kilometer bis zur Karanjali Balika Vidyalaya zu spazieren – der Schule, die ihm so am Herzen liegt.
Dort hat Basav Bhattacharya schon seinen Laptop samt einem Beamer aufgebaut. Beides hat er in seinem kleinen Maruti neben vier Mitreisenden (darunter mir) von Calcutta hierher geschaukelt. Denn solche Geräte kennt man in der Dorfschule nicht. Basav ist freier Mitarbeiter der Times of India, berät in einer PR-Agentur Unternehmen, hat sich beim World Wildlife Fund (WWF) engagiert und schon einige Sozialprojekte auf den Weg gebracht.
In dem kahlen Raum, der noch keine Fenster hat (und es wird nicht so recht klar, ob er jemals welche haben wird), sitzen 380 Mädchen der Klassen 5 bis 7 mucksmäuschenstill auf dem Boden. Auf Planen, wie sie sonst wohl auf Baustellen benutzt werden.
Probleme mit der Disziplin? Fehlanzeige! Gespannt verfolgen die Kinder, wie Basav die verschiedensten Vögel zeigt. Sie genießen offensichtlich die Abwechslung im Alltag und machen begeistert mit, antworten im Chor. „Hä“ bedeutet dabei freilich nicht wie im Schwäbischen, dass sie etwas nicht verstanden haben – es handelt sich vielmehr um das bengalische Wort für „Ja“.
Besonders beliebt scheint der „Manik“ zu sein – beim Bild des Wiedehopfs bricht förmlich Jubel aus. Auch beim „Tia“, dem Papagei, und dem „Kaththokra“, dem Specht, geht es rund. Und beim lautmalerischen „Ghughu“ muss man sich nicht lange fragen, welcher Vogel da gemeint ist: die Taube natürlich.
Kein Zweifel: Zu lernen macht den Kindern riesigen Spaß. Nach 45 Minuten gehen sie dann, die Händchen schön auf den Schultern des jeweiligen Vorder-Mädchens (die Buben werden getrennt unterrichtet) wieder in die Klassenzimmer.
Rakhi Bhattacharya, die Rektorin, kann es kaum fassen, dass in Deutschland nur etwa 30 Kinder zugleich unterrichtet werden. Sie lässt sich die Zahl dreimal von Basav auf Bengali bestätigen. Bei ihr sind es je nach Klasse zwischen 95 und 100.
Aber dennoch ist dies für Ashish und Basav ein Glücksfall. Die Einführung der Schulpflicht (in ganz Indien übrigens erst vor etwas mehr als zwei Jahren) stellt für sie einen Meilenstein im Kampf gegen die Armut dar: „Das hat unsere Gesellschaft schneller als erwartet verändert.“
Doch damit soll noch lange nicht Schluss sein. Ashish Ghosh hat (unterstützt von Basav) im kleinen Karanjali noch große Ziele. Die Armen sind ihm nicht gleichgültig. Seit Generationen gehört seine Familie zur Kongresspartei. Ihrer 126-jährigen Tradition fühlt er sich auch heute noch verpflichtet, auch wenn sie die letzten Jahrzehnte in Westbengalen kleinere Brötchen backen musste.
Eine Hungersnot zu Beginn 1943, die bis zu fünf Millionen Todesopfer forderte, trieb den Kommunisten die Stimmen zu. Und die förderten später auch noch intensiv die Ansiedlung armer Menschen aus Ost-Bengalen (dem selbstständigen Bangla Desh). Das diente offensichtlich auch der eigenen Machtsicherung – auf jeden Fall stellte man von 1977 bis 2011 ununterbrochen den Ministerpräsidenten. Bis Mamata Banerjee vom „Graswurzel-Kongress“ die Wachablösung gelang.
Asish Ghosh trauert den Zeiten nicht nach, in denen seine Familie auch äußerlich herausgehoben lebte. „Man muss auch mit der veränderten sozialen Situation zurechtkommen.“ Aber den Geist seiner Väter möchte er auch weiterhin durchs Dorf wehen lassen: „Ich lebe hier, also helfe ich den Leuten“, sagt er dem Gast aus Deutschland. Ganz unprätentiös. Eher in einem Nebensatz.
Er bekomme schließlich auch etwas zurück: „Die Leute helfen ja auch mir. Entweder durch ihre Arbeit oder durch die Verbindungen, die sie haben, und die ich dann wieder für andere nutzen kann.“ In Ashish Ghosh lebe das uralte indische Prinzip des „Headman“ weiter, findet Basav: „Der ,Häuptling‘ kümmert sich um die anderen – und die anderen kümmern sich um ihn.“ Mindestens 75 000 Menschen lebten ringsum: „Und Mister Ghosh kennt die meisten davon.“ Ja: der Mann aus der Stadt nennt ihn ihm Gespräch mit dem Gast aus Deutschland immer „Mister Ghosh“. Nie beim Vornamen. Auch daraus spricht Ehrerbietung.
Genau wie daraus, dass junge Burschen ihn mit ihrem Fahrrad nicht überholen, wenn er durch die Marktstraße geht, sondern absteigen und den Drahtesel langsam hinter ihm herschieben, bis er irgendwo haltmacht oder abbiegt. Und die Einheimischen nennen ihn nicht mal beim Nachnamen, sondern reden den 63-Jährigen mit „Babu“ an. Basav kann das nicht so recht übersetzen, nennt als Bedeutung „eine hoch respektierte Person“. Später lese ich, dass dieses Wort vom Hindi-Ausdruck für „Fürst“ entlehnt ist.
Bevor sie ihre Sorgen schildern, ziehen sie die Schuhe aus
Auf jeden Fall gilt Babu Ghosh noch etwas in und um Karanjali. Er wird zu vielen Hochzeiten oder anderen Festivitäten eingeladen. Und sie kommen zuhauf vor sein Büro, oft auf Empfehlung von Leuten, die Ashish gut kennt. Dann warten sie draußen vor der offenen Tür, bis sie drankommen – und ziehen die Schuhe aus, bevor sie das kleine Zimmerchen betreten und ihre Sorgen schildern können. Und dann hilft Babu Ghosh bei Schwierigkeiten mit den Behörden, sorgt dafür, dass Sozialhilfe-Empfänger zu kostenlosem Strom kommen. Und oft genug hilft er, Notlagen zu lindern.
Viele Menschen in und um Karanjali plagt die Armut. Wird jemand in der Familie krank, dann wird es ganz schwierig. Medikamente sind oft zu teuer. Da leiht ihnen der Mann vor dem Uralt-Safe Geld. Ohne finanzielles Eigeninteresse. Denn Ghosh verlangt keinerlei Zinsen. Und das will in einem Land, in dem man für einen Privatkredit im Jahr 36 Prozent hinlegen muss und elf Prozent zur Finanzierung einer Wohnung als „günstig“ gelten, schon was heißen. Und „Babu“ kennt seine Pappenheimer: „Ich habe ein Auge dafür, wer zurückzahlt und wer nicht.“ Und wenn er sieht, dass es einfach nicht geht, dann lässt er auch mal fünfe gerade sein. Die wirklich Armen seien übrigens die Gewissenhaftesten, sagt Ashish noch zu mir.
Doch sein soziales Engagement spiegelt sich nicht nur in Rupien wider. Vor vier Jahren ließ es ihm keine Ruhe, dass so viele junge Leute arbeitslos waren. Also stellte er einigen von ihnen kostenlos einen Raum zur Verfügung und gab der Kooperative darüber hinaus Startkapital: Sieben, acht Männer so um die 30 sitzen da auf dem Boden und besticken einen auf einen Holzrahmen gespannten Sari. Fünfeinhalb Meter lang und 1,30 Meter breit ist der Stoff, auf den in mühevoller Kleinarbeit Tausende von Glaskristallen drapiert werden. Die Motive stammen zum Teil aus der Zeit Alexanders des Großen. 400 Stunden brauchen die jungen Leute für so ein Kleidungsstück. In Calcutta können sie es für 2000 Rupien verkaufen. Macht pro Mann und Stunde etwa 8 Cent. Für deutsche Verhältnisse unvorstellbar wenig. Für Kalanjari ein Silberstreif am Horizont.
Daher planen Ghosh und Basav auch eine Nähschule, in der junge Mädchen und Frauen Fähigkeiten erwerben können sollen, die sie selbstständig machen. Demnächst soll es losgehen.
Ganz große Sorgen bereitet beiden aber auch die schlechte (beziehungsweise gar nicht vorhandene) medizinische Versorgung. Unter 75 000 Menschen leben zwar fünf bis sechs „Doktoren“, aber die sind nicht ausgebildet: „Diese Quacksalber stellen oft falsche Diagnosen und nehmen trotzdem viel Geld“, sagt Basav. Daher möchten Ghosh und er nun ein medizinisches Zentrum aufbauen – beginnend mit einem Mutter-Kind-Projekt, bei dem einmal pro Woche ein Arzt aus Calcutta herkommt oder zumindest eine Beratung per Webcam anbietet.
„Würde hat nichts mit Protzerei zu tun“, denke ich mir, während wir in der Nacht zurück zu Babus Haus gehen und ich auf den Mann neben mir schaue. Sie braucht keine Paläste, sondern lebt auch in Häusern, bei denen sich ein Zimmer nach dem anderen unter der Last von 250 Jahren verabschiedet. Sie benötigt keine Straßenkreuzer, ein rostiges Fahrrad tut es auch. Sie kommt auch ohne Swimmingpool und Nobelbad aus, ihr reicht ein Eimer Wasser – plus ein kleines Kübelchen, mit dem man sich übergießen kann. Sie muss nicht mit goldenen Gabeln und silbernen Löffeln an prunkvoll gedeckten Tafeln essen, mit den Fingern und auf dem Boden sitzend geht das genauso.
Würde hat vor allem damit zu tun, dass man ein Herz für andere hat. Das habe ich in diesen beiden Tagen in diesem Dorf gelernt. Und deswegen ist es für mich völlig unerheblich, wie man Ashish Ghosh nun korrekt bezeichnet. Für mich ist er schlicht und einfach – der gute Mensch von Karanjali.
veröffentlicht am 11.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung