Kolkata, 7.2.2012: Wo bleibt das Land der Dichter und Denker?

Mit Statistiken ist das so eine Sache. Frankfurt brüstet sich, die „größte Buch- und Medienmesse der Welt“ zu sei. Vielleicht gilt dies für die Zahl der Aussteller. Was aber die Besucher anlangt, kann man in Calcutta darüber nur schmunzeln. Kamen 2009 am Main knapp unter 300 000 Gäste, so strömten am Hugli im Vorjahr knapp über zwei Millionen Leseratten dorthin. Mit anderen Worten: Die Gesamt-Besucherzahl der Frankfurter Buchmesse schafft die Kolkata Book Fair (oder Kolkata Boimela, wie die Bengalen sagen) an einem einzigen Sonntag.
Um den internationalen Charakter zu unterstreichen, sind die fünf großen Hallen nach ausländischen Autoren benannt. Drei Europäer sowie je ein Nord- und Mittelamerikaner wurden ausgewählt und ihnen je ein Satz zugeordnet, den die indischen Messe-Macher mit ihm verbinden.
Los geht es mit Mark Twain (1835 bis 1910): „Große Bücher werden nach ihrem Stil und Thema gewogen und gemessen – und nicht nach den Dekorationen oder Nuancen ihrer Grammatik.“ Als nächster kommt Charles Dickens (1812 bis 1890): „Barmherzigkeit beginnt daheim und Gerechtigkeit fängt gleich nebenan an.“ Pablo Neruda (1904 bis 1973) ist der Dritte im Bunde: „Lachen ist die Sprache der Seele.“ Auch Europas Mittelalter ist vertreten – durch Dante Alighieri (1265 bis 1321) und sein „Inferno“: „In der Mitte der Reise des Lebens fand ich mich verirrt in einem dunklen Wald, wo der gerade Weg verloren gegangen war.“ Das Autoren-Quintett komplett macht der Russe Leo Tolstoi: „Alles und jedes, was ich verstehe, verstehe ich, weil ich liebe.“
In der Breite habe ich nun schon das ganze Messegelände in Science City durchquert, die Länge würde noch mindestens die dreifache Zeit erfordern. Aber mich zieht es zum deutschen Pavillon. An drei Infoständen frage ich, die freundlichen jungen Leute sagen auch immer, natürlich sei Deutschland da, und schicken mich alle in dieselbe Richtung – aber dort herrscht absolute Fehlanzeige!
Statt dessen ist Italien präsent. Und wie! Denn Bella Italia ist das Partnerland 2012. Ganz prominent platziert und wohl Italiens Trumpfkarte auf dieser Messe ist Tiziano Terzani, der langjährige „Spiegel“-Korrespondent in Asien. Der hat ja in der Tat viel mit Indien zu tun. Was man nicht zuletzt im Gesprächsbuch seines Sohnes Folco spürt, das vor kurzem mit Erika Pluhar als Terzanis Frau verfilmt wurde: „Das Ende ist mein Anfang“. Ansonsten sieht man viele Kinder- und Schulbücher, Umberto Ecos neuestes Werk „Der Friedhof von Prag“, Enzo Bianchis Gedanken über das Markus-Evangelium mit dem Titel „Warum habt Ihr Angst“ und einen Werbefilm, in dem Italien immer noch Fußball-Weltmeisters ist und Fabio Cannavaro, der ja jetzt nach Calcutta wechseln will, den Pokal in den Berliner Himmel reckt.
Überhaupt: Italien nutzt die Bühne in Calcutta auch für den Tourismus. Nicht nur vor den Buchregalen fotografieren sich die Bengalen gegenseitig, sondern auch an den Poster von Pisa, den Dolomiten oder da Vincis „Letztem Abendmahl“. mindestens genauso oft.
Auch die USA und Großbritannien zeigen mit großen Ständen Flagge, Spanien, Frankreich, Japan, Vietnam, die Türkei und sogar Peru mit kleineren. Aber Deutschland lässt sich diese Chance der Sympathiewerbung entgehen – und das, obwohl in diesem Jahr des Literatur-Nobelpreisträgers Rabindranath Tagores (der in Deutschland zu Lebzeiten regelrecht verehrt wurde) gefeiert wird, und es auch sonst literarische Anknüpfungspunkte zu Indien gibt: Hermann Hesses „Siddharta“ ist da nun ein Beispiel dafür.
Gefrustet über mein Heimatland strebe ich dem Ausgang zu. An einem Stand mit Büchern in Sanskrit sehe ich mehrfach das mir wohlbekannte Foto eines Mannes mit Zweifingerbart: Ein Inder mit dem Namen Prasanta Samanta hat über Adolf Hitler geschrieben. Im Gespräch mit demMann in der Holzbude gelingt es mir nicht, herauszufinden, wie der große Diktator denn in dem Buch wegkommt. Nur eins weiß ich: Auf den als Repräsentanten Deutschlands hätte ich auch verzichten können.
veröffentlicht am 11.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung