Kolkata

Kolkata, 6.2.2012: Die Eltern suchen den Partner aus

 © Wen Sabita (li.) und Brihaspati (re.) heiraten (dürfen), entscheiden vermutlich die Eltern. © Foto: Jürgen GerrmannNoch gehen Sabita (18) und Brihaspati (17) zur Schule. Nebenbei helfen sie in einem Haushalt im westbengalischen Dörfchen Karanjali (zweieinhalb Autostunden von Calcutta entfernt) mit. Eines Tages werden sie Hochzeit feiern. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wird das eine arrangierte Heirat sein.

„Das ist bei uns besonders auf dem Land noch eher die Regel als die Ausnahme“, sagt Basav Bhattacharya (der gelernte Journalist, der nun als PR-Berater arbeitet und großes soziales Engagement für die Menschen auf dem Lande zeigt) zu mir, während die beiden jungen Frauen in der Küche das Gemüse fürs Essen putzen: „Oft kennen die jungen Leute einander gar nicht, bevor sie wissen, wen sie heiraten sollen.“

Normalerweise heiraten hier oben im Nordosten Indiens die jungen Männer mit 26, die Mädchen schon mit 18. Aber dadurch, dass erfreulicherweise nun viele studierten, verschiebe sich das nun oft auf etwas später. Gerade bei den jungen Frauen.

Hausarbeit für Männer ist immer noch ein großes Tabu

Basav und Ashish Ghosh, dessen Frau Gayatri die beiden zur Hand gehen, möchten daher bei den Eltern der Mädchen erreichen, dass sie auf jeden Fall noch ihren Schulabschluss machen. Das macht sie unabhängiger. Und sie können noch etwas verdienen, bevor sie heiraten. Denn danach dürften sie vermutlich das tun, was die meisten bengalischen Frauen auf dem Land tun: schauen, dass im Haushalt alles seine Ordnung hat. Dass ein Mann dort kocht oder putzt oder sonst wie einen Finger rührt, „ist immer noch ein großes Tabu“, flüstert mir Basav zu.

„Die beiden hier werden verheiratet, da bin ich mir sicher“, hegt Basav keinerlei Zweifel. Normalerweise dauerten die Gespräche zwischen den Eltern etwa zwei Monate, bis man sich einig sei. Etwas später steige dann die Hochzeit. Und die dauert auch hier draußen auf dem Land zumeist drei Tage.

Am ersten Tag feiert man im Haus der Braut. Ihr Auserwählter kommt dann und holt die Frau, die ihn für den Rest seines Lebens begleiten soll, ab. Am zweiten Tag umjubelt man die „Reise“ vom alten in das neue Heim. Und am dritten geht es dann im Haus des Bräutigams hoch her: Allen Verwandten wird nun die Frau vorgestellt, und die beiden nehmen Glückwünsche entgegen.

Standesamtlich registrieren lassen müssen sich die beiden übrigens seit kurzer Zeit auch. Aber schon früher haben die Eltern Briefe ausgetauscht, in denen deren Namen sowie die des Brautpaares standen. Das galt dann ebenfalls als verpflichtender Ehevertrag.

„Scheidung“ ist derweil in Indien zwar theoretisch möglich, aber in der Praxis eher ein Fremdwort: „Die Leute hier sind flexibel im Akzeptieren neuer Situationen“, sagt Basav. Sie blieben halt zusammen, auch wenn sie sich nicht mehr liebten: „Der wirtschaftliche Druck ist einfach zu groß, um sich zu trennen. Gerade in der Stadt.“ Sollte es dennoch so weit kommen, ist fast immer die Frau die Dumme: „Sie muss um staatliche Unterstützung bitten. Das, was sie vom Gericht zugesprochen kriegt, reicht hinten und vorne nicht“, meint Basav. Im Grunde bleibe ihr nur übrig, zu arbeiten (so sich was findet) – oder eben wieder zu heiraten (was auch nicht gerade einfach ist).

Daher werde vor Gericht auch immer erst ein Versöhnungsversuch gemacht. Scheitere der, werde (wie in Deutschland) über Schuld nicht geredet: „Wenn die beiden nicht mehr wollen, dann wollen sie nicht mehr“, sagt der bald 54-Jährige. „Die Scheidungen haben wir dem westlichen Einfluss zu verdanken“, seufzt Ashish Ghosh. Basav nickt: „Ja, das liegt schon an der neuen Offenheit der Gesellschaft – mit all dem Guten und Schlechten, was sich damit verbindet. Wir müssen hier die Balance finden. Das lehrt uns das Leben.“

Jürgen Gerrmann
veröffentlicht am 6.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung