Kolkata, 3.2.2012: Von Indiens Stärken überzeugt

Als über Jahrzehnte hinweg treuer Leser unserer Zeitung hatte sich Roland Kern den Artikel über den Start unserer Serie „Zur Zeit Calcutta“ und das gleichnamige Blog sogar ausgeschnitten: „Das hat mich wirklich sehr interessiert!“ Dass ihm im Auditorium von Science City indes der Autor persönlich über den Weg laufen würde, das hat er dann doch nicht geahnt.
„Indien statt China – diese Entscheidung haben wir nie bereut“
Dr. Roland Kern, Aufsichtsrat, Lapp-Gruppe
Seit 35 Jahren zählt Dr. Roland Kern nun schon zum Team der Lapp-Gruppe. Und ebenso lange lebt der gebürtige Stuttgarter auch schon in Neckartailfingen: „Uns gefällt es sehr gut dort. Wir haben sehr viele Freunde gefunden“, strahlt er am Rande des Empfangs nach dem vielbeachteten Konzert, in dem das Ensemble aus Deutschland Werke des Oscar-gekrönten indischen Komponisten A. R. Rahman („Slumdog Millionaire“) zelebriert hat. Und seit die B27 ausgebaut sei, komme er ja auch viel besser an den Firmensitz im Stuttgarter Stadtteil Vaihingen.
Als „großen Mittelständler“ sieht er selbst die Lapp-Gruppe (übrigens nach wie vor ein reines Familienunternehmen). Etwa 3000 Leute arbeiten dort an weltweit rund 50 Produktionsstätten. „Überall, wo Strom fließen muss“, biete Lapp rund um den Globus Lösungen an: „Wenn es um Mittelspannung bis 1000 Volt geht, dann sind wir voll dabei.“
Nicht zuletzt übrigens in Indien: „Das ist für uns einer der wichtigsten Märkte“, sagt der Neckartailfinger. Vor 15 Jahren habe man sich entschieden, nach Asien zu gehen – und Indien statt China als Sprungbrett gewählt. Eine Strategie, die sich bewährt hat: „Wir haben das nie bereut.“
Indien sei eine Demokratie, es gebe keine Sprachschwierigkeiten (weil von den Partnern dort alle Englisch beherrschten), und nicht zuletzt das funktionierende Rechtssystem sei ein großes Plus: „Patentklau als Methode wie in China gibt es hier nicht.“ Daher baut man zurzeit nach dem ersten Werk, das in Bangalore angesiedelt wurde, eine zweite Fabrik – in Bhopal, das 1984 durch die bisher schwerste Chemiekatastrophe aller Zeiten traurige Berühmtheit erlangt hatte. Dadurch steigt die Zahl der Mitarbeiter in Indien von 250 auf 350.
Zu den Kunden auf dem Subkontinent zählt natürlich die Autoindustrie mit der auch hierzulande vielen bekannten Firma Tata (die vor Kurzem mit dem weltweit billigsten Wagen, dem Tata Nano, Aufsehen erregt hat), aber auch Maschinenbauer, Brauereien, die chemische Industrie sowie Experten für Verkehrs- oder Medizintechnik kaufen bei Lapp ein. Und nicht zuletzt Unternehmen, die sich regenerativen Energien zuwenden. Die werden auch in Indien immer wichtiger, weil das riesige Land über keine eigenen Öl-Vorkommen verfügt und alles importieren muss: „Sonne und vor allem Wind boomen hier.“
850 Millionen Euro macht Lapp weltweit pro Jahr Umsatz – und 25 Millionen davon entfallen auf Indien. „Mit dem neuen Werk wird das aber sicher mehr“, ist Roland Kern überzeugt. Indien habe im Moment zwar nicht die Dynamik wie China, aber das müsse kein Nachteil sein: „Dafür geht es stetig und gleichmäßig nach oben – in den letzten Jahren immer zweistellig.“
Und daher engagiert sich das Unternehmen auch auf anderer Ebene für dieses Land: Andreas Lapp, der Mitinhaber und Sprecher des Vorstands, ist Honorarkonsul der Republik Indien für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Er hat auch das Stuttgarter Weindorf schon mit großem Erfolg in Mumbai, der Partnerstadt der Schwabenmetropole, verankert. Und am Neckar (neben vielen anderen Aktivitäten) das Festival „Bollywood and Beyond“ etabliert. Jeden Juli kann man dort eine Woche lang indische Filme aller Art erleben – von der Dokumentation bis zur Schmonzette.
veröffentlicht am 3.Februar 2012 in der Nürtinger Zeitung