Kolkata, 31.1.2012: Die Bäume von Kolkata

Vielleicht verbindet das Faible für die Bäume die Inder und die Deutschen: Schon den alten Germanen sollen Bäume ja heilig gewesen sein. Allerdings kann man sich solchen Respekt, wie er diesen Gewächsen in Kolkata, der Hauptstadt von West-Bengalen, entgegengebracht wird, bei uns daheim nicht vorstellen.
Da hätte nämlich das Ordnungsamt oder eine andere Behörde schon längst der Verkehrssicherungspflicht zu ihrem Recht verholfen. Notfalls mit Zwangsmitteln. Und saftigen Strafen.
Denn dass ein mächtiger Ast eines uralten Baums einfach in Kopfhöhe über den Gehweg wächst – so was geht doch einfach nicht. Da muss eingeschritten werden. Da könnte doch weiß Gott was passieren! So denken die meisten Schwaben. In Calcutta indes keiner. Die Leute passen sich einfach an das an, was über Jahrzehnte gewachsen ist, und ziehen den Kopf ein. Und das ist hier das Selbstverständlichste von der Welt: Nicht die Bäume müssen den Menschen weichen, sondern der Mensch den Bäumen ausweichen.
Eigentlich eine tolle Einstellung. Auch wenn sie manchmal wehtut. Ich zum Beispiel bin am Rande der Camac Street vor unserem Büro auch schon gegen einen dicken Ast gelaufen. Ich hatte zur Seite geschaut, weil ich im Gehen das Angebot eines Obsthändlers näher betrachten wollte. Bums! Schon war’s passiert. Mein Kopf hat kurz gebrummt, aber das war’s dann schon. Schließlich war es meine Schuld. Und nicht die des Baumes.
Vielleicht sind diese Bäume ein Symbol für Indien
So dreckig diese Stadt in manchen Quartieren auch sein mag: Die Ehrfurcht vor Bäumen ist allüberall spürbar. Oft werden sie ummauert, um ihnen Schutz zu geben. Ob dies nun sonderlich sinnvoll ist, vermag ich nicht zu sagen. Biologie war noch nie meine Stärke. Ich sehe nur: Auch wenn der Beton zerbröckelt, krallen sich die Bäumen förmlich an den Ziegeln darunter fest. Oder sind es die Pflanzen, die nun den Steinen Schutz bieten?
Und mir fällt auf: Die Blätter sind grün, die Kraft ist mitten im Dreck und Dunst noch vorhanden. Vielleicht ein Symbol für ganz Indien. Die Wurzeln sind stark, aus denen dieses Land seine Kraft bezieht. Und es sind viele Wurzeln, die tief reichen. Vielleicht ist ja deswegen in den letzten Jahren dieser erstaunliche Aufstieg vom Armenhaus zur Weltmacht gelungen.
veröffentlicht am 31. Januar 2012 in der Nürtinger Zeitung