Kolkata

Nürtingen, 12.1.2012: Vom Neckarstrand an die Ufer des Ganges

 © Queen Victoria Memorial in Kolkata © getty-imagesVon einer schwäbischen Kleinstadt in eine Metropole eines aufstrebenden Schwellenlandes, von einem Provinzblatt (im besten Sinne des Wortes) zur größten englischsprachigen Zeitung Indiens– gibt das einen Kulturschock? Demnächst kann ich das selbst beurteilen. Unsere Zeitung und ich sind für das Projekt „Nahaufnahme“ des Goethe- Instituts ausgewählt worden.

Dabei tauschen indische und deutsche Journalisten zeitversetzt ihren Arbeitsplatz. Für mich geht es schon am Montag mit dem Flieger nach Calcutta (oder Kolkata, wie die Inder heute sagen). Wann Aditi Guha, die junge Kollegin von der Times of India (unserer Partnerzeitung in Westbengalen) vom Ganges an den Neckar kommt, steht noch nicht genau fest. Irgendwann im Frühjahr. Vielleicht kriegen wir das ja zu unserem Nürtinger Nationalfeiertag, dem Maientag, hin. Und machen dieses jahrhundertealte Fest auch in Indien populär.

Ein Internet-Blog mit aktuellen Eindrücken

Das werden wir noch klären. Erst mal geht es in die umgekehrte Richtung. Vom Schwabenland nach Westbengalen, von einem Volk, das laufend befürchtet, es sterbe aus, in eine Nation, die so schnell wächst wie kaum eine andere auf dem Globus. Von der Heimat Friedrich Hölderlins, dem erst späte Ehre zuteil wurde, in die Stadt von Rabindranath Tagore (Thakur nennen ihn die Bengalen heute), dem Literatur-Nobelpreisträger von 1913, der zur Zeit der Weimarer Republik die Deutschen begeisterte. Das alles muss kein Gegensatz sein: „Wir freuen uns sehr, dich als Teil unseres Teams zu haben“, schrieb zum Beispiel Bob Roy, der die Redaktion der Times of India in Kalkutta leitet: „Ich bin sicher, deine Erfahrung und dein tiefer Einblick in unseren Beruf werden sehr wertvoll für uns sein.“ Auf der anderen Seite sei es für einen deutschen Kollegen wohl auch sehr interessant, die Abläufe in einer indischen Zeitung kennenzulernen.

Das stimmt auf jeden Fall. Und es freut uns natürlich auch sehr, dass unser Blatt als erste und bislang einzige kleine Zeitung vom Goethe-Institut für das Projekt „Nahaufnahme“ ausgewählt wurde, die vier anderen im Bunde sind die Berliner Zeitung, die Frankfurter Rundschau, die Hamburger Morgenpost und die Leipziger Volkszeitung. Eine ganz schön illustre Runde, in der wir uns da bewegen. Und wir sehen das durchaus auch als Zeichen der Wertschätzung für unsere Zeitung.

Das Goethe-Institut selbst beschreibt das Ziel des Projekts so: „Die Nahaufnahmen stehen bei der Recherche der beteiligten Journalisten im Mittelpunkt. Während ihres Aufenthaltes sind die Journalisten Teil der Lokalredaktionen ihres Partnermediums. Sie werden eingebunden in den journalistischen Alltag vor Ort, recherchieren, beobachten und richten ihren Blick auf die bisher unbekannte Kultur. Die Nahaufnahmen sind nah dran am jeweiligen Schauplatz. Wie in der jeweiligen Heimatredaktion begeben sich die Journalisten auf die Suche nach interessanten Geschichten des städtischen Alltags. Aber weil sie sich auf unvertrautem Gelände bewegen, ist ihre Perspektive eine andere. Beiträge aus Deutschland und der Welt schärfen so den Blick für alltägliche Situationen, setzen aber auch Themen, von denen man sonst wenig hört.“

Dadurch könne man praktisch live testen, wie fern und nah sich Calcutta und Nürtingen denn tatsächlich sind. Dem stimmen wir voll und ganz zu. Denn nicht hoch theoretische Erörterungen lassen einen den Charakter eines Landes und seiner Menschen erkennen, sondern die kleinen Details und die direkten Begegnungen mit denen, die dort leben.

Und da uns das Miteinander mit unseren Lesern sehr wichtig ist, möchten wir nicht nur Artikel in unserer Serie „Zur Zeit Calcutta“ drucken, sondern über das Internet in einen lebendigen Dialog mit unseren Lesern eintreten. Ab heute ist der sogenannte „Blog“ im weltweiten Netz freigeschaltet. Darin werde ich aktuell in Wort und Bild berichten, was ich gerade so mache. Und es wäre schön, wenn Sie, liebe Leser, mir Fragen stellen und Anregungen geben. Ich werde mich dann bemühen, Sie umfassend zu informieren. Und zudem kann ich dann ein kleines bissle Neckarluft an den großen Gestaden des Ganges schnuppern.

Jürgen Gerrmann
veröffentlicht am 12. Januar 2012 in der Nürtinger Zeitung