Hyderabad

Hyderabad, 18.3.2012: Chai in der Untertasse

 © Der typisch, indische Chai, serviert in Tasse und Untertasse © Foto: Philipp DudekNicht zu genau hinschauen: Fast immer ist die kleine Tasse sehr alt, hat mindestens einen Sprung und ist oft auch ein bisschen dreckig. Immer steht sie in einem kleinen Chai-Teich in ihrer Untertasse. Nie sind Tasse und Untertasse von der gleichen Garnitur. Aber Chai-Trinken in Hyderabad ist ein großartiges Erlebnis.

Besonders wenn man kurz zuvor drei mal mit der Faust in die Flache Hand geschlagen, dabei laut „Strong! Strong! Strong!“ gerufen und damit dem Kellner signalisiert hat, dass man in die Milch auch Tee haben möchte. Chai-Trinken ist in Hyderabad zu meiner Lieblings-Freizeitbeschäftigung geworden. Dabei trinke ich zuhause fast nie Tee. Aber Chai ist anders. Tatsächlich ist jeder einzelne Chai anders. Das liegt an der Zubereitung.

Alle Bestandteile werden zusammen aufgekocht. Teeblätter, Milch, Zucker, Gewürze. Es gibt weder ein festes Rezept noch eine spezielle Zubereitungsmethode – aber jede Familie und jeder Chai-Laden hütet sein Rezept wie einen Schatz. Meistens wird der Tee mit Kardamom gewürzt, ich habe aber auch schon Chai mit einer deutlichen Ingwernote gefunden. In Chai-Läden kocht das Gebräu oft stundenlang, in Familien wird der Tee aufgekocht und dann mit ausladenden Bewegungen mehrmals zwischen zwei Tassen hin und her geschenkt. Dadurch wird die Milch im Tee etwas aufgeschäumt.

Dann beginnt das eigentliche Chai-Ritual: Obwohl in fast allen Chai-Läden große „Rauchen verboten“-Schilder hängen, wird sich erstmal eine Fluppe angesteckt. Da ist es ganz praktisch, das vor wirklich jedem (ich habe in Hyderabad keine Ausnahme entdeckt) Chai-Laden ein kleiner Kippen-Kiosk steht. Hier gibt es Zigaretten. In Schachteln oder als Einzelstücke. An der Aussenwand des Kippen-Kiosks ist normalerweise ein kokelndes Stückchen Seil aufgehängt – als Dauerfeuerzeug.

Die Kippe brennt, jetzt wird dem Kellner ein kräftiges „Strong! Strong! Strong!“ entgegengerufen und Platz genommen. Meistens hat sich auf den Tischen bereits ein dünner Chai-Film gebildet, der langsam fest trocknet. Das liegt an dem Teich in der Untertasse. Zum Ritual gehört nämlich, die Tasse aus der Untertasse zu heben, den Chai, der am Tassenboden hängt, behutsam an der Untertasse abzustreifen, die Tasse dann auf den Tisch zu stellen und mit einer langsamen kreisförmigen Bewegung anschließend, die letzten Chai-Reste vom Tassenboden zu entfernen. Dann tropft auch nichts wenn man im nächsten Schritt die Tasse langsam zum Mund führt, und mit möglichst lautem Schlürfen der erste Schluck getrunken wird. Tatsächlich ist es eher eine Mischung aus pusten und trinken. Daher auch das Geräusch. Nach dem ersten Schluck können dann die Gespräche beginnen. Über Politik zum Beispiel. Eigentlich nur über Politik. Aber nicht zu intensiv. Schließlich ist das hier ein Chai-Laden. Und da steht der Chai im Mittelpunkt und sonst nichts.

Philipp Dudek
veröffentlicht am 18. März 2012 in der Hamburger Morgenpost.