Chennai, 25.11.2011: Beziehungschaos
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Das erste, was ich nach meiner Ankunft in Indien tun solle, sei, mir eine indische Telefonkarte zu besorgen. Das hatte mir meine Kollegin aus Chennai sehr eindringlich geraten. Alles andere würde mich ruinieren. Denn hier telefoniere man bei jeder passenden und auch unpassenden Gelegenheit. Mit einer deutschen Sim-Karte wäre das natürlich ziemlich teuer.
Nun, ich landete mitten in der Nacht, das Hotel in einem der zentraler gelegenen Viertel der südostindischen Metropole betrat ich morgens gegen zwei, im Bett fand ich mich um drei Uhr wieder. Kaum zehn Stunden später stand meine Kollegin im Empfangsraum des Hotels und erwartete mich, um die Telefonkarte zu kaufen. Wir fuhren in eine Shopping-Mall an der wichtigsten Straße Chennais, der Anna Salai Road, unweit des Flusses Kuvam. Dort liefen wir durch ein Labyrinth von kleinen Gängen über mehrere Etagen, um schließlich bei Hamsa zu landen.
Hamsa stammt aus Kaschmir und ist auf Indien nur mittelprächtig gut zu sprechen. Umso lieber macht er Geschäfte mit Indern: Er verkauft Schmuck und Paschmina. In seinem kleinen Laden stapeln sich die Schals bis unter die Decke. Meine Kollegin sagte, ich solle Hamsa meinen Reisepass aushändigen, alles andere werde sich fügen. Hamsa ließ eine Kopie anfertigen, und wenige Minuten später hielt ich meine neue indische Sim-Karte in der Hand. Ich müsse nun nur noch ein Guthaben auf die Karte laden, am besten zwischen 700 und 800 Rupien, etwa elf Euro, sagte Hamsa und schickte mich in den Laden nebenan, einen Jeansshop.
Ich schaute meine Kollegin fragend an. Beziehungen, bedeutete sie mir. In Indien kennt jeder jemanden, der jemanden kennt, der jemanden kennt. Sonst könnte das Chaos nicht funktionieren.
Der freundliche Jeansshop-Besitzer kramte in seiner Schublade, zog ein Formular hervor, ließ mich unterschreiben und die erforderliche Geldsumme aushändigen und versprach, dass ich in zwanzig Minuten würde telefonieren können. Er hielt sein Versprechen.
Am nächsten Tag bekam ich gleich eine weitere Lektion in Sachen Indien und Beziehungen. Ein Restaurantbesitzer, ein gut vernetzter Unternehmer, erzählte, wie er seine Beziehungen habe spielen lassen, um schnell eine Schanklizenz für Alkohol zu bekommen. Er war so erfolgreich, dass die Erlaubnis schon nach wenigen Wochen vorlag. Allein, seine neue Bar ist noch gar nicht fertig. Wie lange der Aufbau denn noch dauere? Kommt ganz auf die Beziehungen an.
veröffentlicht am 25. November 2011 in der Berliner Zeitung.