Berlin

Berlin, 22.10.2011: Deutsche Lebensart

 © © COLOURBOX.COMGlobal Village. Von Shonali Muthalaly

Berlin ist es egal, was ich von ihm halte. Genau das macht es so anziehend. In einer Zeit plakativer Klischees und aggressiven globalen Wettbewerbs ist es faszinierend, eine Stadt zu entdecken, die mit ihrer Identität im Reinen ist, die sich nicht ständig selbst beweisen oder Besucher beeindrucken muss. Und die dennoch nicht statisch ist. Das ist der andere große Reiz Berlins: Die Fähigkeit zu ständiger Veränderung, ohne seine Seele zu verlieren.

Indien ist zwar weltweit als Land der Spiritualität anerkannt. Aber wir sind fieberhaft darum bemüht, uns neu zu erfinden. Unser Nationalcharakter nimmt allmählich andere Züge an, vor allem in der aufstiegsorientierten Mittelschicht: Man arbeitet viel, ist hoffnungslos technologiefixiert, plant ständig Neuanschaffungen aller möglichen Geräte.

Es wäre wohl naiv zu behaupten, dass die Berliner weniger materialistisch sind. Aber sie scheinen das Leben mehr zu genießen. Nach meiner ersten Woche hier wird mir bewusst, wie viel Ablenkung es in meinem Leben in Indien gibt: der lärmende iPod, das unentwegt klingelnde Telefon, der summende Blackberry. Hier in Berlin strahlt selbst der morgendliche Pendlerverkehr zur „Rushhour“ Ruhe aus, ich bin begeistert, wenn ich sehe, wie die Leute im Zug lesen oder aus dem Fenster schauen.

Jeder hier scheint eine fast aufsässige Individualität zu leben. Die Gleichgültigkeit gegenüber Designer- Labels ist erfrischend, eine Louis Vuitton-Tasche wird genauso behandelt wie ein Paar Vintage- Schuhe. Ich begegne einem Kunsthistoriker, der in der Freizeit Graffiti sprüht. Ich beobachte einen Biker mit tätowiertem Kopf, der seine kleine Tochter im Kinderwagen spazieren fährt. Und der Mann, bei dem ich Käse kaufe, empfiehlt mir, seinen Gruyère mit„einem Glas gutem Rotwein, etwas frischem Brot und einem netten Mann“ zu genießen.

Ich habe den iPod weggelegt, den Blackberry ausgeschaltet, den E-Reader gegen ein echtes Buch eingetauscht. Ich bewundere die Architektur. Ich übe mich mit zufälligen Gesprächspartnern in der deutschen Sprache. Und ein Straßenkünstler hat mir beigebracht, wie man mit der Farbdose arbeitet. Berlin zeigt mir, dass es manchmal nötig ist, vom Rummel des täglichen Lebens Abstand zu nehmen, um wirklich daran teilzuhaben.

Shonali Muthalaly
veröffentlicht am 22. Oktober 2011 in der Berliner Zeitung.

Übersetzt von Angela Selter.