Bangalore

Bangalore, 6.5.2012: Blüten, Früchte, Gewürze – Bummeln durch den City Market ist Zeitreise ins alte Indien

 © Kerstin DeckerDie Uhr über dem Haupteingang ist stehen geblieben, und auch die Zeit scheint stehen geblieben am City Market von Bangalore. Er ist einer der ältesten Märkte der Stadt, über 100 Jahre alt. Der City Market ist jeden Tag geöffnet, und der Besuch ist wie eine Zeitreise ins alte Indien - kein Vergleich zu den glitzernden Shoppingmalls und Einkaufsstraßen mit ihren Markengeschäften aus der westlichen Welt.

Sein offizieller Name lautet Krishnarajendra Market, benannt nach dem ehemaligen Maharadscha in Mysore, der 130 Kilometer entfernten alten Königsstadt. Das Treiben beginnt schon vor Sonnenaufgang. Großhändler, Einzelhändler und Tageskunden machen hier ihre Geschäfte, aber Touristen sieht man im Prinzip keine. In der Nacht kommen die Blumenhändler von außerhalb nach Bangalore und fangen ganz früh an, etwa zu der Zeit, wenn die Morgenausgaben der Zeitungen herauskommen. Hauptsächlich gibt es hier ganz frisches Obst und Gemüse, Trockenfrüchte und Gewürze, die in großen Säcken angeliefert und von den Markthelfern auf dem Kopf oder auf dem Rücken hereingeschleppt werden. Aber es gibt auch Pfannen und Töpfe, Eimer und Dosen, abgepackte Nudeln und Hülsenfrüchte, Textilien, Spielzeug, Süßigkeiten - eben alles, was man für den Alltag so braucht.

Kernstück ist der Blumenmarkt im Inneren der Markthalle. Ein Meer von Blütenköpfen und von kleinen Früchten in allen erdenklichen Farben breitet sich hier aus, und diese Blüten duften sogar. Verkauft werden sie entweder lose oder schon zu Blütenketten aufgefädelt. Überall sitzen Frauen, Männer und auch viele Kinder mit Blüten vor sich, die sie blitzschnell auf lange Nadeln aufstecken und dann auf einen Faden aufziehen. Die Inder sind ganz verrückt nach Blütenschmuck und dekorieren damit ihre Haus, ihren Garten, ihr Auto, ihre Heiligenbilder, ihre Gebetsecken oder auch sich selbst. Blütenketten werden ins Haar gesteckt oder zu festlichen Anlässen um den Hals getragen. Angeblich bekommt man hier die günstigsten Preise für Blumen und Blumengirlanden in ganz Bangalore. Eine zwei Meter lange Blütengirlande – von Hand aufgefädelt – wurde mir für 50 Rupien angeboten, das sind etwa 80 Cent.

Der Markt wirkt sehr quirlig, die Waren werden lautstark angepriesen, aber das ist nur auf den ersten Blick so. Obwohl die Gänge sehr eng sind, die Markthelfer schwere Lasten schleppen und ich oft genug mit meiner Videokamera im Weg stand, sind die Leute alle sehr entspannt und freundlich geblieben. Keiner hat sich beschwert, im Gegenteil. Ich wurde immer wieder gefragt, wie ich heiße und woher ich komme. Dass ich aus Deutschland bin, sprach sich wie ein Lauffeuer herum, überall hörte ich, wie sich die Händler das Wort „Germany“ zuriefen. Ich bekam Blüten geschenkt, und nicht ein einziges Mal hat jemand versucht, mir seine Ware aufzudrängen. Das einzige, was die Inder von mir wollten: Ich sollte auch zu ihrem Stand kommen und sie fotografieren beziehungsweise filmen.

Viele Leute sagen, und auch in den Reiseführern steht es, dass Bangalore keine besonderen Sehenswürdigkeiten habe – aber der City Market ist eine echte Entdeckung. Hier im ältesten und verwinkeltsten Teil von Bangalore läuft das Leben immer noch so ab wie vor hundert Jahren und mehr. Dass Bangalore die am meisten boomende Stadt und am schnellsten wachsende Stadt Indiens ist, eine Stadt der Universitäten, der Biotechnologie und der IT-Ansiedlungen, davon ist in der roten Markthalle des Krishnarajendra Markets in der Nähe der Stadtmauer und der großen Jamija Masjid Moschee nichts zu spüren. Dieser Flecken ist fast 500 Jahre alt. Als der südindische Stammesfürst Kempe Gowda ihn entdeckte, soll er mit seinem Ochsenkarren in jede Himmelsrichtung gefahren sein, so weit wie er kam. Dort ließ er jeweils einen kleinen Turm bauen, der die Stadtgrenzen markierte. Die Kempegowda-Türme sind heute noch zu besichtigen, inmitten dieser Altstadt befindet sich auch der City Market.

Kerstin Decker
veröffentlicht am 6. Mai 2012 in der Leipziger Volkszeitung.