Bangalore, 3.5.2012: Hochzeit auf Indisch

Die Heirat von Rema (24) und Rahul (27) wird in einem der zahlreichen Hochzeitspaläste von Bangalore gefeiert. In der West of Chord Road steht einer neben dem anderen, mindestens zehn solcher illuminierten Paläste müssen es sein. Das Paar hat sich vor drei Monaten erstmals gesehen. Berührt oder gar geküsst haben sich die beiden Softwareingenieure bisher nicht. Ihre Hochzeit ist eine arrangierte Hochzeit, wie sie in Indien in den allermeisten Fällen praktiziert wird. Rahuls Eltern haben die künftige Schwiegertochter für ihren einzigen Sohn ausgesucht. Sie wohnt nur zehn Minuten entfernt und kommt aus einem guten Elternhaus. Nachdem die Eltern sich gegenseitig besucht und abgesprochen hatten – Kaste, Religion, Vermögensverhältnisse müssen stimmen -, wurden sich die angehenden Eheleute vorgestellt. In solchen kurzen Treffen, die manchmal zehn Minuten, manchmal eine Stunde dauern, fragt man den anderen nach seinen Gewohnheiten und sagt schließlich „Ja“ oder „Nein“ zur Ehe. Danach wird die Verlobung bekanntgegeben, verbunden mit dem Austausch von Ringen.
Grundsätzlich stellen junge Leute die arrangierte Ehe nicht in Frage. Sie haben keine Zweifel, dass ihre Eltern das Beste für sie entscheiden. Außerdem gehen sie ohne große Erwartungen und Ansprüche in die Ehe. Und nicht zuletzt werden die Astrologen ausgiebig befragt, bis hin zum günstigsten Datum für Hochzeit und die erste gemeinsame Nacht. 80 Prozent der arrangierten Ehen sind glücklich, erzählt mir der indische Taxifahrer. Er soll ebenfalls in diesem Jahr verheiratet werden – aber bisher ist noch keine Braut gefunden. Seine Eltern haben bei den Eltern mehrerer Mädchen vorgesprochen, aber bisher hat noch keine zugesagt. Falls eine Ehe übrigens später schlecht läuft, sind wiederum die Eltern zuständig, die Dinge ins Reine zu bringen.
Rema und Rahul wirken jedenfalls sehr glücklich. Rema trägt einen prächtigen Sari, ist über und über mit Goldschmuck und Blüten ausstaffiert und posiert stolz vor den Fotografen. Am ersten Tag der Hochzeit empfängt das junge Paar rund 1000 Gäste. Die Brautleute stehen den ganzen Abend auf der Bühne, nehmen Glückwünsche entgegen und lassen sich mit allen Gästen fotografieren. Eine Musikgruppe spielt, aber es wird nicht getanzt. Wer seine Gratulation überbracht hat, geht ins Untergeschoss zum Essen. Das wird auf Bananenblättern serviert, geradezu im Eiltempo. Vier, fünf Leute laufen mit Eimern und Kellen durch die Reihen und legen hintereinander weg kleine Speisen auf das Blatt. So kommt ein zehngängiges Menü zustande. Aber dann sollte man schnell seinen Platz räumen, denn es warten noch mehrere hundert Gäste.
Der nächste Tag, Tag der eigentlichen Hochzeit, beginnt um sechs Uhr morgens mit einer Reihe religiöser Rituale. Zwei Priester bereiten unter Mantra-Gesängen den Bräutigam spirituell auf seine Hochzeit vor. So wird ihm die dreireihige Brahmanen-Kordel umgelegt, die besagt, dass es nicht nur zwei Augen gibt – das dritte Auge ist das Auge der Weisheit. Am späteren Vormittag werden zunächst der Bräutigam und dessen Angehörige, danach auch die Braut in den symbolischen Tempel auf der Bühne geführt. Die Rituale gehen weiter, mit Feuer, Rauch, Blüten, Geldscheinen, Kokosnüssen und Bananen. Feierlich übergibt die Familie der Braut ihre Tochter in die Obhut der Familie des Bräutigams. Rema wird an diesem Tag ins Elternhaus ihres Mannes einziehen, das sie bisher noch nie gesehen hat. Die Ausrichtung der Hochzeit war somit das letzte, was die Brauteltern für ihre Tochter getan haben.
Die eigentliche Trauung ist vollzogen, als Rahul seiner Rema eine Kette um den Hals legt, das Paar mit Reiskörnern beworfen wird und die Familie in Jubel ausbricht. Eine standesamtliche Beurkundung der Ehe ist in Indien nicht erforderlich. Danach überreichen die Verwandten zahlreichen Goldschmuck als Geschenke für die Braut.
veröffentlicht am 3. Mai 2012 in der Leipziger Volkszeitung.