Bangalore

Bangalore, 2.5.2012: Kleine indische Zeitungsschau

 © Kerstin DeckerJeden früh kurz nach halb sieben raschelt es an der Tür meines Hotelzimmers in Bangalore (Indien). Der Deccan Herald wird unter der Tür durchgeschoben, die Tageszeitung, für die ich hier vier Wochen lang im Rahmen eines Journalistenaustauschs schreibe.

Insgesamt liegen in meinem Hotel vier englischsprachige Zeitungen aus, die alle regional erscheinen, sprich einen Bangalore-Lokalteil enthalten: Times of India (28 Seiten), Bangalore Mirror (32 Seiten), The Economic Times (18 Seiten in einem Roséton) und eben Deccan Herald (26 Seiten). Der Bangalore Mirror ist eine Zeitung im kleinen halbrheinischen Format, die anderen Zeitungen erscheinen im größeren Rheinischen Format (kleiner als die LVZ). Außerdem gibt es noch weitere Tageszeitungen: den Indian Express, The Hindu sowie Zeitungen in den Sprachen Kannada, Hindi und Tamil.

Meine kleine Presseschau habe ich gestern, am 1. Mai, gemacht. Schon aus dem Grund, weil in Deutschland an einem Feiertag keine Zeitungen erscheinen. Hier in Indien herrscht Sechs-Tage-Woche, das heißt meine Kollegen vom Deccan Herald haben nur einen Tag pro Woche frei. Da die Zeitung jeden Tag erscheint, auch sonn- und feiertags, ist die Redaktion jeden Tag besetzt. Bei uns dagegen trifft man sonnabends und am Tag vor einem Feiertag gar keine Redakteure an, sonntags und an Feiertagen nur eine kleine Besetzung

Das Frappierendste für mich sind die Preise der hiesigen Tageszeitungen, die wirklich nur Pfennigartikel sind. Der Bangalore Mirror ist mit 2 Cent (!) pro Ausgabe am billigsten, der Deccan Herald kostet 4 Cent, die Times of India 9 Cent. Mit diesen Extrem-Niedrigpreisen wird einerseits die Auflage hochgehalten, was für die Anzeigenpreise wichtig ist, andererseit können sich auch Arme noch eine Zeitung kaufen. Die tatsächlichen Herstellungskosten betragen 7 oder 8 Rupien. Die Differenz, so haben es mir nun schon etliche Leute geschildert, wird über bezahlte Artikel hereingeholt. Das heißt zum Beispiel, der Rechtsanwalt, der auf Leserfragen antwortet, bekommt dafür kein Honorar von der Zeitung. Vielmehr bezahlt er dafür, dass er mit seinem Foto und seinem Namen diese Ratgeberrubrik füllen darf.

Das Geschäft wird ansonsten über Anzeigenerlöse gemacht. Dafür sieht man dann auch große Anzeigen der Stadtverwaltung, der Landesregierung oder der indischen Regierung (eine „May Day Message“ des indischen Arbeitsministers war gestern zum 1. Mai in der Zeitung). Der Deccan Herald genießt den Ruf einer seriösen Tageszeitung, ist mit seiner Auflage von 200.000 (bei 10 Millionen Einwohnern von Bangalore) allerdings als kleine Zeitung einzustufen. Den Eigentümer habe ich an meinem ersten Tag kennen gelernt, er hat ein Büro im Verlagsgebäude und ist, wie mir erzählt wurde, täglich da. Gedruckt wird 35 Kilometer außerhalb von Bangalore auf deutschen Druckmaschinen, wie mir der Chefredakteur erzählte.

Beliebter bei den Indern, soweit ich dies erfragen konnte, ist aber die Times of India. Auch auf mich wirkt sie moderner und frischer, bringt gute Bilder, anschauliche Grafiken und überhaupt eine leseanreizende Nachrichtenauswahl.

Was an allen Bangalore-Zeitungen auffällt: Sie beginnen auf Seite 2 mit dem Lokalteil. Immer gern genommen werden Tierfotos. Im Deccan Herald gibt es nach der Titelseite mit Überblickscharakter zwei Seiten Lokales, dann folgen zweieinhalb Seiten (manchmal auch drei halbe Seiten) aus dem Bundesstaat Karnataka, wobei Bangalore als Landeshauptstadt dabei häufig vertreten ist. Danach kommen zwei Seiten mit landesweiten Nachrichten, Fernsehprogramm, eine Kommentarseite, eine Seite internationale Berichte, wechselnde Ratgeberseiten mit Themen wie Gesundheit, Bildung, Computer. Der Wirtschaftsteil beschränkt sich auf eine Seite „Business”, der Sportteil umfasst drei Seiten. Als tägliche achtseitige Beilage ist „Metrolife” im Deccan Herald integriert. Darin gibt es teilweise weitere lokale Berichte, Berichte über kulturelle Veranstaltungen, Wissenschafts-, Umwelt- und Reisethemen. Aber vorwiegend lebt die Beilage von vielen großen Leute-Fotos, wenig Text und oft erstaunlich belanglosen Themen. Bollywood-Schauspieler und Sportstars spielen eine Rolle, aber es werden auch gleich mal fünf, sechs Leute in einer Shoppingmall in ihren Shorts fotografiert und zu diesen befragt – weil Shorts, so liest man, dieses Jahr total in sind. Eine solche boulevardmäßige Beilage gibt es auch in der Times of India, sie heißt dort Bangalore Times, ist aber genauso aufgebaut.

Was die Geschichten in der Zeitung betrifft, wird in Indien auch kein anderer Journalismus gemacht als in Deutschland. Einige Artikel sind Recherchegeschichten mit Hintergründen und Zusammenhängen, ein Großteil eher das Wiedergeben von Verlautbarungen der Regierung, der Stadtverwaltung oder kommunalen Firmen. Quellen werden recht oft diffus gehalten („Quellen besagen”, „ein Anwohner sagt”…). Lokale Themen wie Fußgängerüberwege oder die Qualität öffentlicher Freibäder spielen eine wichtige Rolle. Schon zweimal habe ich erlebt, dass es hier geregnet hat und am nächsten Tag war ein Lokal-Bericht dazu in der Zeitung (einmal ging es um Schäden und Verkehrsstaus durch den Regen, das andere Mal äußerten sich Leute einfach nur überrascht über den unverhofften Regen).

Etwas Außergewöhnliches, was man sich vom Deccan Herald abgucken könnte (außer vielleicht das Voranstellen und damit Betonen des Lokalteils), habe ich bisher noch nicht entdeckt. Auf jeden Fall scheinen hier noch recht sorglose Zeiten im Verlagsgeschäft zu herrschen, das Wegbrechen vieler Anzeigenmärkte scheint hier noch nicht angekommen zu sein. Das dürfte damit zusammenhängen, dass ein großer Prozentsatz der Bevölkerung nach wie vor Analphabeten sind und dass viele von denen, die lesen können, nicht online sind, weil sie sich schlichtweg keinen Computer leisten können. Wie der Taxifahrer, der mit seiner Frau und dem 15-jährigen Sohn in einer 7-Quadratmeter-Wohnung (!) lebt und sich sogar als Mittelstand bezeichnet. Er bezieht seine Informationen aus der Zeitung.

Die Reporter sind hier ausschließlich Reporter und gehen nur ihren Geschichten nach, machen weder Layouts noch Fotos. Daher herrscht hier ein gewisses Staunen, wenn ich erzähle, dass ich auch Fotos und Videos nach Leipzig schicke sowie meine Texte bei LVZ-Online einstelle.

2 Kommentare zu „Kleine indische Zeitungsschau”

Hans-Joachim Drabner schreibt (6. Mai 2012):

Hallo Frau Decker,
habe Ihren Artikel mit großem Interesse und Vergnügen gelesen. Vieles erinnerte mich an meine Zeit in Indien vor 38 Jahren, als ich von der indischen Regierung ein Scholarship bekommen hatte. Damals gab es vor dem raschelnden Durchschieben der Tageszeitung noch den „bed tea“. Ein sehr angenehmer Service, der das morgendliche Zeitunglesen versüßte.
Alles Gute

Kerstin Decker schreibt (6. Mai 2012):
Lieber Dr. Drabner,
da kennen wir uns nun so lange, aber dass Sie mit Stipendium in Indien waren, ist eine Neuigkeit für mich! Schön, es auf diesem Wege zu erfahren. Beste Grüße in die Heimat!

Kerstin Decker
veröffentlicht am 2. Mai 2012 in der Leipziger Volkszeitung.