Bangalore, 7.5.2012: Cricket, dem Lieblingssport der Inder

Das sah sehr professionell aus, schon aufgrund der einheitlichen blauen Spieleroutfits, die alle trugen. Ich betrat das Trainingsgelände, schaute eine Weile zu, machte Fotos und wandte mich mit ein paar Fragen an einen älteren Trainer, der gerade aus dem Büro kam. Er schickte mich hinein ins Büro voller Pokale, denn drinnen saß der Chef: Irfan Sait, selbst ehemaliger Profispieler. Er war Assistenztrainer der indischen Männermannschaft zur Weltmeisterschaft 1996 und übt heute verschiedene Funktionen im internationalen Cricketsport aus, wie die Urkunden an der Wand belegen. Und zufällig standen gerade zwei Stars seiner Frauenmannschaft neben ihm: Karuna Jain (26) und Vanitha V.R. (22). Beide spielen in der Frauenauswahl Indiens. Wie ich erfuhr, ist das Institut die einzige Trainingsstätte in Bangalore, wo Mädchen und Jungen gemeinsam trainieren – ansonsten läuft das getrennt.
Ich machte ein Foto mit den beiden Starspielerinnen und dem Pokal, den sie 2011 in der Frauen-Cricketliga des Bundesstaates Karnataka gewonnen haben. Beide sind Profisportlerinnen. „Ein guter Job, gut bezahlt“, verriet mir Karuna. Sie fängt jeden Tag um 6.30 Uhr mit dem Training an: Erst geht es ins Fitnessstudio, dann wird fünf bis sechs Stunden Cricket gespielt, und abends geht es noch einmal ins Fitnessstudio. Solange ihre Gesundheit mitmacht, will sie aktiv spielen, danach als Trainerin arbeiten. Es gebe nichts, was sie an ihrer Sportart nicht mag, meinte sie. Aber dann fiel ihr doch was ein: „Manchmal gehen die Matches sechs Stunden. Sechs Stunden in der Sonne spielen ist das Anstrengendste.“
Im privaten Karnataka Institute of Cricket trainieren mehr als 1000 Spieler im Alter zwischen 6 und 25 Jahren. Sie kommen aus ganz Indien und werden von 40 Trainern aus aller Welt ausgebildet.Talentierte Nachwuchsspieler bleiben mindestens ein Jahr, sie können in einer von vier Herbergen wohnen. Das Training läuft nonstop an 365 Tagen im Jahr, täglich gibt es fünf Durchgänge zu je zweieinhalb Stunden - zwischen 6.30 Uhr morgens und 21 Uhr abends. Ein ganzes Jahr Training mit einer Einheit täglich kostet 17.000 Rupien (270 Euro), bei zwei Einheiten täglich 20.000 Rupien (317 Euro).
Da ich nun einmal mit der Nase auf das Thema Cricket gestoßen war, wollte ich auch ein richtiges Spiel im Chinnaswamy Stadion von Bangalore sehen. Der erste Versuch scheiterte, denn an jenem Abend regnete es, und das Spiel fiel aus. Beim zweiten Versuch war es heiß wie immer und es stand ein Spitzenspiel der Indian Premier League an: Royal Challengers Bangalore gegen Kings XI Punjab. Srikant Sharma, Sportfotograf beim Deccan Herald, hatte mir eine Eintrittskarte besorgt und nahm mich mit ins Stadion, das 40.000 Sitzplätze hat. Schon zwei Stunden vor Spielbeginn um 20 Uhr waren die Zufahrtsstraßen verstopft, was aber kein Wunder ist, denn abends herrscht in Bangalore immer Rush hour. Wie in Deutschland beim Fußball, strömten Scharen von Fans zum Stadion. Draußen wurden T-Shirts, Fahnen und Klatschstangen der Royal Challengers Bangalore verkauft, oder man konnte sich deren Farben ins Gesicht malen lassen. Nach der Personenkontrolle musste ich meine Wasserflasche am Stadioneingang abgeben, wie in Deutschland auch.
veröffentlicht am 7. Mai 2012 in der Leipziger Volkszeitung.