Nahaufnahme 2011

Kolkata, 27.1.2012: Die Helden des Nahverkehrs

 © Busfahren in Kolkata © Foto: Jürgen Gerrmann Ich gestehe: In den letzten Tagen habe ich des Öfteren etwas getan, was bei uns strengstens verboten ist – ich bin auf den fahrenden Bus aufgesprungen. Zuerst aus purer Not: Anders kommt man in diese Vehikel gar nicht rein. Aber mittlerweile macht es (ehrlich gesagt) sogar Spaß. Wie überhaupt das Busfahren in Calcutta.

Mittlerweile bin ich fast schon frustriert, wenn mir jemand sagt, ein Ziel sei zu weit oder zu kompliziert für den Bus. Während ich schon fast aggressiv auf Taxifahrer reagiere, die sich darin einig zu sein scheinen, dass nichts leichter ist, als einen (hauptsächlich europäischen) Ausländer übers Ohr zu hauen, sind die Teams in den Bussen für mich die absoluten Helden des Nahverkehrs.

Was diese Menschen leisten, das ist einfach unglaublich. Formel 1-Rennen sind für mich ohnehin schon langweilig und seit ich (vornehmlich zwischen der Ballygunge Phari, der Haltestelle in der Nähe meiner Wohnung, und der Camac Street, wo sich unsere Redaktion befindet) mit dem Bus unterwegs bin, kann ich ihnen noch weniger abgewinnen. Hier in Calcutta erlebe ich Tag für Tag ein Abenteuer, das für mich das Abermillionen-Spektakel weit in den Schatten stellt. Weil es viel unterhaltsamer ist. Und darüber hinaus zu menschlicher Nähe führt.

Die Bushaltestellen sind hier in der Regel gar nicht zu erkennen. Man muss sich halt dorthin an den Straßenrand stellen, wo sich die meisten Menschen drängen. Die wissen das schon. Aber auch wenn man allein ist, kann man einfach mal die Hand heben. Die Männer am Steuer haben für mich bisher immer ihre Fahrt verlangsamt.

Fahrpläne, mit deren Hilfe man sich zurechtfinden könnte, hängen hier auch keine aus. Es wäre im Grunde auch völlig sinnlos. Denn in diesem Chaos hier lässt sich nix vorausplanen. Wie gut also, dass die Busse hier in Calcutta keine Türen haben. Die Schaffner stehen auf der Eingangstreppe, und denen kann man als Schwabe, der keine Ahnung von der jeweiligen Routenführung und Position der Haltestellen hat, einfach das Ziel, zu dem man gern möchte, zurufen. Entweder winken sie dann ab – oder einen herein.

Und sie kümmern sich geradezu rührend darum, dass es einem als Gast aus der Fremde nicht zu unbequem wird. Manchmal stehen sogar Leute auf. Was mir peinlich ist. Und außerdem ungewohnt: In Nürtingen habe ich noch nie erlebt, dass etwa ein Schüler für mich aufgestanden wäre. Mal die Tasche vom Nebensitz wegzunehmen war dort bisher das Höchste der Dinge.

Wann immer ich unsicher durch die Scheiben starre oder aufstehe, weil ich denke, jetzt müsse ich doch endlich am Ziel sein, dann heben die Schaffner die rechte Hand und bewegen sie – begleitet von einem beruhigenden Blick – langsam nach unten. Erst wenn sie anfangen, hektisch zu rufen, muss ich in Richtung Tür. Sekunden später spüre ich eine Hand auf der Schulter, dann einen Klaps, und das heißt: „Junge, du musst raus!“

Zwischendrin wird noch das Fahrgeld kassiert. 6 Rupien kostet es ins Büro. Etwas weniger als 10 Cent. Am Sonntagabend war ich auf dem Rückweg vom Kloster Belur in einem Regionalbus unterwegs. Über eineinhalb Stunden Fahrt für 18 Rupien! – Horst Stammler, den Chef des VVS, wird es freuen, dass ich auch in Calcutta die Fahne des Nahverkehrs hochhalte. Auch wenn ich jetzt wieder mehr Argumente dafür mitbringe, dass der Nahverkehr in der Region viel zu teuer ist. Wobei ich natürlich einräumen muss: In einem Bus wie am Ganges würde am Neckar kaum einer einsteigen. Räucherstäbchen vor Devonotialien auf dem Armaturenbrett

Ich aber bin ein regelrechten Fan dieser alten Dschunken, deren Fahrer das Gewimmel, Gewusel, Gewirr und Gehupe so im Griff haben, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Und wenn sie dann mal nicht nur im Schritt fahren können, dann wird geheizt, das es eine wahre Pracht ist. Spielerisch leicht hüpfen die alten Vehikel über Schlaglöcher wie Verkehrsberuhigungsschwellen, und auch wenn das Aufkommen auf der anderen Seite vielleicht nicht die beste Therapie für die Wirbelsäule ausmacht, bereitet es einen Heidenspaß.

Am Sonntag hatte ich übrigens ein Erlebnis der besonderen Art: Bevor wir in Belur losfahren, zückt der Busfahrer erst einmal seine Räucherstäbchen, schwenkt sie in seinem Cockpit und drapierte sie brennend vor seine Devonotialien auf dem Armaturen, um um Schutz der Götter zu bitten. Kurze Zeit später war wir klar warum: Wir waren heillos überladen und wären im Kreis Esslingen sicher vom Team von Karsten Bolz bei der Verkehrspolizei sofort gestoppt worden, aber so, wie die wilde Jagd über Stock und Stein nun abgeht (wenn wir mal nicht im Stau stehen), hat das vielleicht auch sein Gutes: So kann wenigstens keiner umfallen. Garantiert nicht. Und heil angekommen sind wir alle auch.

Jürgen Gerrmann
veröffentlicht am 27. Januar 2012 in der Nürtinger Zeitung