Stuttgart

Stuttgart, 13.7.2011: Immer wieder Butter Chicken

 © © COLOURBOX.COMWie schmeckt einer Inderin das indische Essen in Stuttgart? Sukhada Tatke war in sechs Restaurants der Stadt essen. Und hat immer wieder Butter Chicken bestellt. Ein Selbsterfahrungsbericht.

Es war spät und der Abend außergewöhnlich frisch. Die Straßen waren wie leergefegt und die Gesichter mir noch fremd. Ich war gerade die erste Woche hier und noch in der Eingewöhnungsphase. An solch einem Tag betrat ich ein warmes, kerzenerleuchtetes Lokal. Die Gesichter erschienen mir vertraut, die Gerüche erst recht. Ich fühlte mich wie zu Hause. Es war das erste indische Restaurant, das ich in dieser Stadt besuchte – das Indian Palace. Ich bin nicht unbedingt ein Feinschmecker, daher wusste ich nicht, dass Essen einen an einen anderen Ort, sogar auf einen anderen Kontinent versetzen kann. Schon beim bloßen Gedanken an Butter Chicken, also an würzig-aromatisches Huhn in Buttersauce, das in Indien Murgh Makhani genannt wird, und an dessen Geruch und Geschmack, der meinem Gaumen so tief vertraut ist, lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Butter Chicken wurde mir zur fixen Idee. Ich besuchte sechs verschiedene indische Restaurants in der Stadt und bestellte überall das gleiche Gericht. Ein Urteil gleich vorneweg: Die Buttersauce, die zum Huhn serviert wurde, war in allen Lokalen hellorange und ohne Würze. In Indien ist die Sauce rot und das Huhn scharf gewürzt. Alle indischen Restaurants hier versuchen, anhand bestimmter Details eine Atmosphäre zu schaffen, die als typisch indisch empfunden wird. Meist an Straßenecken im Stadtinneren gelegen, gelingt es ihnen, ein kleines Stück deutschen Boden in ein Stück echtes Indien zu verwandeln. In einigen hängen Porträts und Götterbilder, in anderen brennen Räucherstäbchen. Im Hintergrund spielt immer indische Musik – populäre Bollywood- Songs oder ruhige Ghazal-Musik. Die europäische Umgebung draußen gerät für einen Augenblick in Vergessenheit. Man wartet auf sein Essen, und im Bann der Innenraumgestaltung könnte man fast meinen, man befinde sich in Mumbai. Der Blick schweift durch den Raum – und bleibt dann jäh an einem Fenster hängen, wo einen der Anblick der ruhigen, leeren Straßen wieder in die Wirklichkeit zurückholt.

Gemütlich wird die Atmosphäre auch durch die kleinen Rechauds, die das Essen so lange warmhalten, bis man fertig ist. Die Speisen sind aber ganz offenbar nach europäischem Geschmack zubereitet. Auch wenn Aussehen und Zutaten genau eingehalten werden, verwendet man nicht so viele Masalas und Gewürze wie in echten indischen Speisen. In Indien werden zu den Getränken Erdnüsse gereicht – und zu den Gerichten gehackte Zwiebeln und Limone. In den indischen Restaurants in Stuttgart sieht man davon nichts. Am Ende der Mahlzeit wäscht man sich in Indien in kleinen Schüsseln, die mit warmem Wasser gefüllt sind, die Hände. Eigentlich klar, dass man das hier nicht macht, da man sich hier die Finger beim Essen nicht schmutzig macht.

Die Hähnchenstücke sind größer als normal. Ich glaube, das liegt daran, dass die Leute hier mit Messer und Gabel und nicht mit ihren Fingern essen und man ein größeres Stück besser schneiden kann. Zu allen Gerichten wird Reis gereicht. Ich fand es irgendwie lästig, dass ich die ganze Zeit Reis essen musste, ob ich wollte oder nicht. In Indien ist es üblich, ein Mahl mit Anis oder Minzesamen zu beschließen. Dies wurde in manchen Restaurants öfter durch ein kleines alkoholisches Getränk ersetzt. Meiner Meinung nach gab es im Indian Palace das beste Huhn in Buttersauce. Die Menge war nicht üppig und der Preis zu hoch, geschmacklich kam es dem indischen Hähnchen aber am nächsten.

Unsere nächste Station war das Ganapati. Hier kommen die Besitzer aus Sri Lanka und der Koch aus Nepal. Die Garnelen waren besser als das Huhn, das genau so viel kostete wie im Indian Palace. Doch Roti, das indische Brot, hatte nicht die richtige Form und war schwer zu kauen.

Beim Prince of India schmeckte Roti wiederum am besten. Das Huhn war auch lecker, aber fast schon süßlich – und damit das genaue Gegenteil vom Original, das scharf gewürzt ist. Im Ganesha, das indische und sri-lankische Küche anbietet, war die Atmosphäre am besten: die Wände voller mythischer Motive, dazu kostenlose Papadams und am Ende traditionelle Minzesamen.

Das Ceylonas mit seiner indischen und sri-lankischen Küche konnte sich beim Huhn in Buttersauce nicht am Original messen. Die Gerichte waren nur mild gewürzt.

Beim Kohinoor kostete das Essen vom Büfett 13,90 Euro, und das Huhn in Buttersauce war gut, hätte aber besser sein können.

Sukhada Tatke
veröffentlicht am 13.Juli 2011 in den Stuttgarter Nachrichten.

Übersetzt von Angela Selter

Nahaufnahme Weblog

Wie sieht eine litauische Journalistin Bonn? Und was fällt einem Düsseldorfer Redakteur in Budapest auf? Aktuelle Eindrücke im Journalistenblog.