Stuttgart, 11.7.2011: Wie eine Inderin Stuttgart lieben lernte
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Da ich im Wissen um die dunkle Seite der Geschichte des Landes groß geworden bin, muss ich zugeben, dass ich ein wenig enttäuscht war. Frankreich, Italien oder Spanien wären mir lieber gewesen. Mit leichtem Naserümpfen ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf, schlicht, weil ich darin die Chance sah, nach Europa zu kommen – ich hatte immer schon davon geträumt, längere Zeit auf diesem Kontinent zu verbringen. Ich verlängerte meine Reise gleich um eine Woche und beschloss, Paris zu besuchen.
Während die Vorbereitungen auf den Austausch immer konkretere Form annahmen und mein Traum langsam näher rückte, dachte ich öfter an meine acht Tage in Paris als an den einen Monat in Stuttgart. Nachdem ich jahrelang Französisch gelernt und mich mit der Zeit in alles Französische verliebt habe, stand der Besuch in Paris für mich im Vordergrund. So sehr ich es auch versuchte, fiel es mir schwer, mir vom heutigen Deutschland ein positives Bild zu machen – ein anderes, als ich in all den Jahren hatte, als ich jeden Deutschen mit einem Nazi gleichsetzte. So naiv war ich in diesem Glauben, dass ich trotz meines Faibles für Fremdsprachen Deutsch nie in Betracht gezogen habe. Selbst meine große Verehrung von Rilke und Kafka, Wim Wenders und Hermann Hesse änderte nichts daran.
Jetzt sitze ich am Stuttgarter Flughafen und warte auf meinen Flug nach Paris. Mein Herz ist schwer, und der Abschied von der Stadt schmerzt mich mehr, als ich je gedacht hätte. Auch wenn ich kein Mensch bin, der auf Knopfdruck weinen kann, überraschen mich die Tränen, die mir beim Schreiben dieser Zeilen in den Augen stehen. Ich weiß gar nicht genau, wann sich der Wandel in mir vollzogen hat, wann ich mich mit Land und Leuten und mit der deutschen Sprache angefreundet habe. Ich kann gar nicht sagen, wann es begann, dass ich mich in dieser kleinen, ruhigen Stuttgarter Region heimisch fühlte, die sich so sehr von meiner überfüllten Heimatstadt Mumbai unterscheidet. Nach einem langen Wochenende in Berlin hatte ich bei der Rückkehr in mein gemütliches Hotelzimmer in Stuttgart das Gefühl, wieder zu Hause angekommen zu sein. Aber wäre es diesem Land auch ohne seine Menschen gelungen, mich für sich zu gewinnen?
Genau vor vier Wochen bin ich an diesem Flughafen angekommen. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mit einem mulmigen Gefühl aus dem Flugzeug stieg und der Stadt einen kurzen Blick zuwarf. Die kalte Luft schlug mir entgegen und machte mich noch nervöser. Ich hatte keinen größeren Wunsch, als dass sich die Kälte nicht auch in den Herzen der Leute zeigen würde. Meine Stoßgebete sollten bald erhört werden. Anja holte mich ab und versicherte mir, dass alles gut werden würde. Ich habe eine ganze Weile gebraucht, um zu begreifen, dass ich eine Freundin fürs Leben gefunden hatte.
Am Anfang erschien mir die Stadt wie ein großes Labyrinth, und wenn ich irgendwohin musste, hatte ich das Gefühl, Schatzsuche zu spielen. Die kurvigen Straßen schienen alle in die gleiche Richtung zu führen, die Straßenbahnen waren alle verwirrend, die Sprache nicht zu verstehen, die Speisen in Aussehen, Geruch und Geschmack alle ähnlich. Aber bald fand ich mich zurecht. Ich hatte gelernt, zwischen Degerloch und Heslach und den Zügen nach Vaihingen und Fellbach zu unterscheiden. Ich konnte gute von schlechten Maultaschen unterscheiden. Es machte mir – und meinen Zuhörern – unbändigen Spaß, Ausdrücke wie Seggel, Käpsele, Schafseggel und Halt dei Lapp aufzuschnappen und anzuwenden. Es wurde zum Ritual, sie an treffender Stelle immer wieder zum Besten zu geben. Doch als ich sie in Berlin ins Gespräch einwarf, hatten die Leute Fragezeichen in den Augen. Da wurde mir bewusst, dass es sich wohl um schwäbische Ausdrücke handeln musste, die anderswo in Deutschland nicht verstanden werden.
Man begegnete mir überall herzlich. Immer wieder wurde ich mit Fragen zu Mumbai bombardiert, und das Interesse der Menschen an mir und meiner Kultur hat mich sehr berührt. Einen ganzen Monat in einer Stadt zu verbringen, mit der ich vorher nichts anderes als Mercedes-Benz und den Streit um den Bahnhof in Verbindung gebracht hatte, hat mir eine ganz neue Welt eröffnet. Am Ende meines Aufenthalts war mir klar, dass meine Sorge unbegründet gewesen war. Obwohl es mir an manchen Tagen schwerfiel, die Kälte auszuhalten, und an anderen, pünktlich irgendwo einzutreffen, habe ich hier in Stuttgart praktisch ein Zuhause gefunden. Die Straßen, die mir anfangs so still erschienen, fingen irgendwann an, mit mir zu sprechen. Ich fühlte mich immer wohler und heimischer. Mir wurde bewusst, dass ich mit Stuttgart und den Menschen Verbindungen eingegangen war, die ein Leben lang halten werden.
Ein Monat ist vergangen, und wieder bin ich am Flughafen. Er wirkt viel freundlicher auf mich als vorher. Anja ist wieder da. Mit ihr noch drei andere. Ich schaue sie an und frage mich, wann ich sie wohl wiedersehen werde. Ihnen habe ich zu verdanken, dass der Abschied schwerfällt. Auf meinem Flug nach Paris verrenke ich mir den Hals und erhasche von meinem Gangplatz einen Blick aus dem Fenster. Ich sehe, wie ich die Stadt immer weiter hinter mir lasse. Die Weinberge und die Häuser mit den roten Dächern werden immer kleiner. Ich schaue so lange nach draußen, bis sich eine dicke Wolkendecke dazwischenschiebt und den Ausblick verdeckt. Dann trennen mich die gräulich-weißen Wolken endgültig von der Stadt, die ich lieben gelernt habe. Aber die guten Erinnerungen begleiten mich auf dem Flug.
Der Austausch zwischen Anja und mir hätte nicht fruchtbarer sein können. Wir haben unser eigenes Vokabular entwickelt und das „Germandische“ erfunden. Wenn ich das nächste Mal nach Europa komme, wird Deutschland mein erstes Ziel sein. Und bis dahin habe ich hoffentlich die Sprache gelernt.
veröffentlicht am 11.Juli 2011 in den Stuttgarter Nachrichten.
Übersetzt von Angela Selter