Stuttgart, 20.6.2011: Indische Männer weinen nicht – außer auf der Leinwand

Sie finden die Liebesgeschichten alle gleich, die Tänze unglaublich komisch, die Liedrhythmen merkwürdig anders und die Filme einen Tick zu lang. Trotzdem freuen sie sich jedes Jahr auf diesen Termin in ihrem Leben und kommen herbei, elegant in Saris gekleidet, das Haar nach indischer Art zusammengebunden und ein modisches Bindi auf die Stirn geklebt. Ich kann es kaum glauben, aber jedes Jahr im Frühjahr strömen unzählige Frauen aus Stuttgart zum indischen Filmfestival, um sich in die Filme mit ihrem Staraufgebot und Glamour hineinzuversenken. Vielleicht hat sich Bollywood and Beyond, veranstaltet vom Filmbüro Baden-Württemberg, in den vergangenen Jahren deswegen zu einem der populärsten Filmfestivals in Deutschland entwickelt.
Die Veranstalter von Bollywood and Beyond sagen, dass die Nachfrage nach indischen Filmen und indischer Kultur rapide steigt. In diesem Jahr findet das Filmfestival vom 20. bis 24. Juli statt. Insgesamt werden 40 Filme präsentiert, unter anderem Dhobi Ghat, No One Killed Jessica, Udaan, 7 Khoon Maaf und Mee Sindhutai Sapkal.
„Das Festival beschränkt sich nicht auf Mainstream-Bollywood-Filme in Hindi, sondern zeigt auch Filme in regionalen Sprachen, Kurzfilme und Dokumentationen, die Indien zum Thema haben“, so Programmleiterin Elisa Melzer. Neben indischen Filmen werden auch Filme von ausländischen Regisseuren gezeigt, in denen es um Indien geht.
Als ich nach Stuttgart kam und die Leute hörten, dass ich aus Mumbai komme, erzählten mir die meisten ganz stolz von diesem Filmfestival. Mehrere fragten mich, ob ich Shah Rukh Khan, den „King of Bollywood“, schon einmal getroffen hätte. Mir ist ja klar, dass man in Indien einen Riesenrummel um Bollywood und seine Stars macht, aber dass auch viele Menschen in Stuttgart leidenschaftliche Anhänger dieser Filmindustrie sind, hat mich überrascht. Nur - was genau haben diese Filme aus dem fernen Mumbai, dass die Menschen in dieser kleinen Region auf einem anderen Kontinent sich so dafür begeistern? Müssten diese Filme mit ihren höchst unwahrscheinlichen Handlungsverläufen, den unvermeidlichen Gesangs- und Tanzeinlagen und übertriebenen Emotionen dem europäischen Geschmack nicht eigentlich fremd sein, dem von Hause aus doch eher ruhigere, realere Erzähltraditionen vertraut sind?
“Es hat viel mit der indischen Kultur zu tun. Indien gilt zunehmend als ein Land, von dem man etwas lernen kann. Indisches Essen, indische Tänze und so weiter sind sehr beliebt. Und Bollywood verkörpert all das”, erklärt Melzer. "Es öffnet ein Fenster zu einer Kultur, die komplett anders ist“, fügt sie hinzu.
Schön und gut. Aber die große Frage ist doch: Was soll der ganze Aufruhr um Shah Rukh Khan? Zunächst fand ich es nur amüsant, dass ich oft gefragt wurde, ob ich ihn schon mal getroffen hätte, ob ich seine Filme mag und so weiter. Aber irgendwann stand ich vor einem Rätsel. Was hat dieser Mann, dass er so viel Anklang findet? Die Antwort erhielt ich im Gespräch mit der 48-jährigen Christiane. „Er sieht unheimlich gut aus. Er kann toll schauspielern. Er hat einen intensiven Blick in den Augen”, schwärmte sie. Ihre eigenen Augen beginnen zu strahlen, während sie spricht. Ganz offensichtlich ist sie – wie so viele andere in Indien und auf der ganzen Welt – fasziniert von der Aura, die Shah Rukh Khan als Urtyp des romantischen Helden ausstrahlt. Ich bin versucht, sie zu fragen, welches ihr Lieblingsfilm mit SRK ist. „Das weiß ich nicht mehr genau. Die Geschichten sind alle gleich“, sagt sie. Aber Christiane sagt, dass sie alle seine Filme gesehen hat, „auch wenn mein Mann davon natürlich nicht begeistert ist”, fügt sie lachend hinzu.
Wahrscheinlich ist genau das der Grund, aus dem die Veranstalter sich gehalten sehen, jedes Jahr mindestens einen Film mit Shah Rukh Khan zu zeigen. „Wir präsentieren zwar unglaublich gerne Filme von Aamir Khan in seinen verschiedenen Produktionen und Rollen – er hält in jedem Film eine andere Überraschung bereit – bemühen uns aber immer darum, Shah Rukh Khan mit aufs Programm zu setzen. Er ist ohne Frage ein Publikumsmagnet“, so Melzer.
Die 30-jährige Angela hat eine andere Theorie zu diesem „jungen Mann, der nie erwachsen wird”. „Er ist über 40, spielt aber immer überzeugend die Rolle junger Männer. Daran kann man sehen, was für ein guter Schauspieler er ist”, klärt sie mich auf. Auf meine Frage, was sie am meisten an ihm mag, sagt sie: „Dass er weinen kann. Europäische Frauen schmelzen dahin, wenn sie sehen, dass einem Mann die Tränen in die Augen steigen“, fügt sie hinzu.
So ganz verstehe ich das alles nicht. Wir indischen Frauen haben an den indischen Männern oft auszusetzen, dass sie zu Machogehabe oder typisch männlichem Verhalten neigen, vor allem, weil sie den Grundsatz „Männer weinen nicht“ ein bisschen zu ernst nehmen. Wir sagen dann gerne, dass sie sich die westlichen Männer mal zum Vorbild nehmen sollen. Ich will hoffen, dass die indischen Männer, die das hier lesen, jetzt nicht beleidigt sind und ich hoffe inständig, dass sie nicht gleich in Tränen ausbrechen, weil hier dieses Bild von ihnen gezeichnet wird.
veröffentlicht am 20.Juni 2011 in den Stuttgarter Nachrichten.
Übersetzt von Angela Selter