Stuttgart

Stuttgart, 15.6.2011: Ruhig, leer und ein Hauch von Parfüm in den Abteilen

 © © COLOURBOX.COMSukhada Tatke entdeckt Stuttgart zu Fuß und läuft so viel wie im ganzen letzten Jahr nicht. Aber auch sonst fallen ihr einige Unterschiede zwischen dem öffentlichen Verkehrssystem in Stuttgart und Mumbai auf.

Ich staune, wie viel die Leute in Stuttgart laufen. Sie bummeln nicht nur ziellos durch die Gegend, sondern benutzen ihre Füße, um sich von einem zum anderen Ort zu bewegen. Es ist nicht so, dass die Leute in Mumbai nicht laufen, nur ist in der Stadt einfach kein Platz für Fußgänger: Die Bürgersteige sind blockiert, die Straßen überall aufgerissen, und der unablässige Verkehrsstrom versperrt den Weg. Als Fußgänger ist man praktisch gezwungen, dem lauten Hupen zu weichen, wenn man im Weg steht, und vor dem Druck des rasenden Verkehrs zu kapitulieren. In Stuttgart ist das ganz anders: Hier bleiben die Autos stehen, wenn die Fahrer sehen, dass jemand die Straße überqueren will.

In Mumbai sind die Leute immer eilig auf dem Weg irgendwohin und springen lieber in eine Rikscha oder ein Taxi, um ihr Ziel zu erreichen. Das sind natürlich die, die gut dran sind. Andere, die sich diesen Luxus nicht leisten können, müssen mit überfüllten Bussen und Zügen vorliebnehmen, wo man Herkulesarbeit leisten muss, um genug Platz zum Stehen zu ergattern. Zu Fuß sind die Leute sonst nur in Gebäuden unterwegs oder vielleicht mal in einem kleinen Park in der Nähe. Es gibt immer wieder Protest und Forderungen nach fußgängerfreundlichen Straßen, aber viel ist daraus noch nicht geworden.

Neben den vielen Fußgängern gefällt mir in Stuttgart der Anblick der vielen Leute, die auf Fahrrädern, Inlinern oder Skateboards unterwegs sind. Das Beste daran ist, dass es nicht nur Jugendliche oder eine bestimmte Art von Leuten sind. Man sieht ganz unterschiedliche Fahrradfahrer, und es macht mir Spaß, sie zu beobachten: Einige hängen über dem Lenker, den Blick nach vorn gerichtet und mit klarem Ziel vor Augen, andere laufen und schieben ihr Fahrrad als Begleiter neben sich her. Am besten sind die, die der Sache noch eine gänzlich andere Bedeutung geben: Das Rad wird zum Babysitter und manchmal zum Gemüsestand. Die stabileren Modelle können alle Aufgaben gleichzeitig bewältigen und dabei noch den eigentlichen Zweck des Radfahrens erfüllen.

Die Inlineskater und Skateboardfahrer scheinen in ihrer ganz eigenen Welt zu leben. Die Inlineskater strahlen eine Sicherheit aus, die mir und meinen Beinen das Gefühl gibt, minderbemittelt zu sein. Einerseits verstehe ich nicht, warum man sich das Leben selbst schwermacht. Ich verstehe nicht, was einen bewegt, sich eine Reihe winziger Räder unter seine vergleichsweise viel größeren Füße zu schnallen. Mir ist aber klar, dass ich das hier aus Neid auf diese unglaubliche Fähigkeit schreibe. Nun – da ich schon vor den Inlineskatern so viel Respekt habe, kann ich kaum in Worte fassen, wie mein Herz schlägt, wenn ich die Kids auf den Skateboards sehe. Wenn sie mühelos über die Straßen flitzen, kann ich nur voller Bewunderung zuschauen. Mittendrin fahren schön geordnet die Privatfahrzeuge. Die meisten Fahrer halten sich haargenau an die Regeln und Vorschriften. Ampeln werden nicht überfahren, vor den Zebrastreifen wird gebremst, und die Geschwindigkeitsbeschränkungen werden meistens nicht überschritten. In Mumbai ist es im besten Fall chaotisch und zeitraubend, auf der Straße unterwegs zu sein, und im schlechtesten Fall frustrierend und unmöglich. Hier auf der Autobahn unterwegs zu sein war ein echtes Erlebnis für mich, da ich noch nie so schnell Auto gefahren bin. Ich finde es überraschend, dass es auf der Autobahn an manchen Stellen keine Geschwindigkeitsbeschränkung gibt.

Ich kann nicht anders, als die Effizienz des öffentlichen Verkehrs in Stuttgart zu bewundern. Die Straßenbahnen und Busse fahren pünktlich, und man kann bequem und ohne Probleme ein- und aussteigen. Genaue Karten und Anzeigetafeln helfen den Touristen, wenn auch nicht unbedingt von Anfang an. Zunächst erschien mir das System hier etwas kompliziert, angesichts der ganzen bunten Linien, die kreuz und quer in die vielen Pläne und Tafeln eingezeichnet sind. Ich komme aus einer Stadt, wo alles ganz anders funktioniert, wo man meist andere fragt, welcher Zug wohin fährt, wann der nächste Zug fährt etc. Eines Tages auf dem Weg vom Marienplatz zum Rathaus hatte ich dann ein Aha-Erlebnis. Schlagartig hatte ich begriffen, dass es eigentlich ganz einfach ist, die Schilder zu lesen und die richtige Verbindung zu finden, wenn man nur den farbigen Linien folgt. Ob U-Bahn oder S-Bahn, die gestrichelten Linien erweisen sich für unerfahrene Reisende als echte Rettung.

An den Zügen hier ist alles anders als an denen zu Hause. Da die Leute einen Großteil des Tages unterwegs sind, sind die Züge in Mumbai praktisch ihr zweites Zuhause und die Mitreisenden so etwas wie ihre Familie. Die Züge in meiner Stadt sind laut und überfüllt, und die Luft riecht verbraucht. Hier sind sie ruhig und leer, und der Geruch von Parfüm liegt in der Luft. Hier kommen sie pünktlich an und fahren pünktlich ab, und schon bei einer geringen Verspätung werden die Leute an der Haltestelle unruhig und murmeln: „Der Zug kommt heute zu spät.“ In Mumbai blockieren Tausende die Gleise, um dagegen zu protestieren, dass die Züge sich ständig um eine halbe oder ganze Stunde verspäten. Diese Verspätungen machen es den Menschen im Endeffekt schwer, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.

Hier sind die Leute mit sich selbst beschäftigt, die meisten haben Kopfhörer im Ohr, einige machen ein Nickerchen, Paare nutzen die Zeit zum Kuscheln. In Mumbai wird gestritten und geschrien, man hackt Gemüse, singt zusammen und knüpft Verbindungen fürs Leben. Hier sind die Fenster geschlossen, die Züge fahren unter der Erde, und man fühlt sich vom Leben draußen abgeschnitten. Dort sind die Fenster weit offen, man spürt den kühlen Wind im Haar oder Regentropfen auf dem Gesicht.

Die Bahnen in Stuttgart sind sehr geräumig, und wenn etwa dreieinhalb Personen stehen müssen, gelten sie als überfüllt. Man vergleiche das mit einer Stadt, in der jeden Tag mehr als 600 000 Menschen mit der Bahn unterwegs sind. Falls die Zahl vertraut klingt, liegt das daran, dass das der gesamten Bevölkerung Stuttgarts entspricht. Im Schnitt sterben davon jeden Tag 14, bevor sie wieder zu Hause angekommen sind. Ein besserer Ausbau des öffentlichen Verkehrs ist in Mumbai das Gebot der Stunde, und es gibt Planungen für ein U-Bahn-Projekt. Doch trotz all dieser Probleme funktioniert das Bahnsystem. Kein Wunder, dass man die Züge in Mumbai als die „Lebensader“ der Stadt bezeichnet.

Sukhada Tatke
veröffentlicht am 15.Juni 2011 in den Stuttgarter Nachrichten.

Übersetzt von Angela Selter

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