Stuttgart

Stuttgart, 8.6.2011: Von Brezeln und Aktentaschen

 © © COLOURBOX.COMWie Gastjournalistin Sukhada Tatke die schwäbische Küche für sich entdeckt.

In den letzten beiden Wochen habe ich immer wieder mit großem Vergnügen beobachtet, wie die Leute ihre täglichen Begleiter – Brezeln – in der Hand halten. Man kann sich gut vorstellen, was für ein Typ jemand ist oder in welcher Situation er gerade steckt, wenn man nur schaut, wie er das herzförmige Brot in den Händen hält und dann hinein beißt.

Manche halten sie einfach mit einem gelangweilten Gesichtsausdruck zwischen zwei Fingern. Offenbar wurden sie beim Verlassen des Hauses - möglicherweise von der Ehefrau - gezwungen, sie mitzunehmen, damit sie keinen Hunger bekommen. Und die Sekunde, die das gedauert hat, zwingt sie jetzt, die Brezel zu halten und dann missmutig aufzuessen. Dann gibt es Leute, die sie wie ihren Aktenkoffer halten. Aktenkoffer in der einen Hand, Brezel in der anderen. Diese Leute wirken wie besessen von ihrer Arbeit und behandeln alles, was sie umgibt, wie eine Aufgabe, die zu erledigen ist. Sie essen sie, weil sie gegessen werden muss. Und die dritte Sorte von Brezelhaltern – meine Favoriten – spielen entspannt damit, lassen sie um den Zeigefinger wirbeln, streichen sanft darüber und beißen dann hinein. Diese – so scheint mir – wissen das Leben zu genießen.

Den Menschen hier liegt das Essen – gelinde gesagt – sehr am Herzen. Die Portionen, die in den Restaurants und Lokalen serviert werden, bezeugen das. Noch während sie bei der ersten Mahlzeit sitzen, scheinen die Leute bereits darüber nachzudenken, was bei der nächsten auf den Tisch kommt. Die meisten Leute sind in Bezug auf ihr Essen aber nicht gerade freigebig: sie bestellen sich selbst ein Gericht und bieten den anderen am Tisch nichts davon an. Damit rechnet man nicht, wenn man aus einem Land kommt, in dem man die Bestellung gemeinsam – nachdem das Thema ausgiebig erörtert wurde – und abhängig von der Anzahl der Beteiligten aufgibt. In der Regel ist es so, dass sich alle das Essen, das serviert wird, teilen.

Das bedeutet aber keineswegs, dass man andere hier vom Essen abhalten will. Wo ich auch hinkomme, schwärmen die Leute von Rostbraten, Maultaschen, Käsespätzle und Spargel und Flädle und fragen mich, ob ich die schwäbische Küche schon kenne. „Dieses Gericht können sie nur hier essen, das ist eine schwäbische Spezialität“, sagen die Schwaben dann immer voller Stolz. In Stuttgart habe ich mehr als eine Woche gebraucht, um mir die Namen der Fleischgerichte zu merken, richtig auszusprechen und zu unterscheiden. Meiner Meinung nach klangen sie alle gleich – kompliziert – daher konnte ich mir kaum vorstellen, dass sie unterschiedlich schmecken würden. Und obwohl ich immer wieder mit diesen schwierigen Wörtern zu kämpfen hatte, bekam ich von Tag zu Tag eine genauere Vorstellung davon, was mir schmeckt.

Das Schönste am Essen hier sind die interessanten Geschichten, die zu jedem einzelnen Gericht erzählt werden. Am besten gefällt mir die der Maultaschen. Das ist inzwischen ganz klar mein schwäbisches Lieblingsgericht. Offenbar war es den Mönchen während der Fastenzeit verboten, Fleisch zu essen. Um Gott etwas vorzumachen und so zu tun, als äßen sie kein Fleisch, schnitten sie es klein, vermischten es mit Spinat und Käse und füllten es in eine Teigtasche. Was dabei herauskommt, ähnelt italienischen Ravioli oder chinesischen Wan-Tan.

Auch die Geschichte hinter dem Spargel fasziniert mich, und wenn man ihn mit Schinken und Flädle und Holländer Sauce isst, dann schmeckt er himmlisch. Offenbar war es vor vielen Jahren so, dass die armen Leute vom Land den reichhaltig vorhandenen Spargel hernahmen und in Pfannkuchen wickelten. Das war einfach und preiswert.

Ich liebe es, wie diese Geschichten hochgehalten und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Die Schwaben scheinen auf die Geschichten ihrer Spezialitäten stolz zu sein. Was ich aber noch nicht gegessen habe, und mir auch sehr genau überlegen werde, sind die berühmte Bubespitzle. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich mich wohl dabei fühlen würde, etwas in den Mund zu stecken, das wie ein kleiner Penis aussieht. Was nützt da schon das Wissen, dass es sich einfach nur um zerdrückte Kartoffeln handelt, die in diese Form gerollt und dann frittiert werden?

Jeder hier möchte wissen, ob mir das schwäbische Essen schmeckt und ob mir die „würzigen“ Speisen von zu Hause fehlen. Wenn ich etwas esse, merke ich, dass die Leute schon nach dem ersten Bissen ganz gespannt auf meine Meinung warten. Es ist herzerfrischend zu sehen, dass den Leuten etwas daran liegt, dass ich mich in ihr Essen verliebe. Anfangs schmeckten und rochen die Fleischgerichte alle gleich, aber inzwischen kann ich sie unterscheiden. Die verschiedenen Brot- und Eiskremsorten und die Kartoffelgerichte sind köstlich. Ich liebe es, wenn einem beim ersten Biss – was hier meist der Fall ist – der geschmolzene Käse in den Mund spritzt. Den Schwaben ist es gelungen, mich mit ihren Spezialitäten zu verführen. Nur eines hätte ich anzumerken: Ein einfacher Name täte es auch.

Sukhada Tatke
veröffentlicht am 8.Juni 2011 in den Stuttgarter Nachrichten.

Übersetzt von Angela Selter

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