Stuttgart, 30.5.2011: Der Wettkampf mit den Uhren
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"Wir sind keine Heiligen, aber wir sind da, wie verabredet. Wie viele Leute können das von sich behaupten?", fragt Wladimir seinen Freund Estragon während ihrer langen Zeit des Wartens auf Godot in dem wohl bekanntesten Stück von Samuel Beckett.
Jeder, der auch nur einige Tage hier verbracht hat, wird ohne Zweifel sagen können, dass der Schauplatz dieses Stücks nicht Deutschland sein kann. Und Godot eindeutig kein Deutscher – wenn es so wäre, hätte man niemals auf ihn warten müssen. Würde das Stück in Deutschland spielen, wäre die Geschichte ganz anders verlaufen. Zum einen würden alle Protagonisten pünktlich erscheinen, auch Godot. Und sobald sie sich träfen, würden sie den Blick nach oben richten, und jeder würde Beobachtungen und Prognosen über das Wetter abgeben. Und dann vielleicht noch mal einen Blick auf die Uhr werfen.
Dort, wo ich herkomme, schauen wir meist nur auf unsere Armbanduhr, um zu sehen, wie sehr wir uns schon verspätet haben. In meinem Land gilt die Indian Standard Time, die wir nach Belieben ausdehnen und daher auch als Indian Stretchable Time bezeichnen. Vor meiner Abreise aus Mumbai warnte man mich, dass ich pünktlich sein müsse. Immer und überall. Ich müsse entweder pünktlich oder aber pünktlich sein – weitere Alternativen gäbe es nicht. Europa ist in der Hinsicht schon schlimm, sagte man mir, aber Deutschland ist da noch mal ein ganz besonderer Fall.
Und das kann ich bestätigen, jeden Tag. Die Deutschen sind so pünktlich, dass sie rund um die Uhr den Wettkampf mit ihren Uhren aufnehmen können, wenn nicht gar mit ihren Weckern. Ich habe sogar das Gefühl, dass ich meine Uhr exakt nach ihren Bewegungen stellen kann. Rechtes Bein vor: eine Sekunde, linkes Bein vor: zwei Sekunden, und so weiter. Mir scheint, dass jede ihrer Bewegungen ein genaues Timing hat. Vielleicht ist das auch der Grund, warum hier fast jeder einen Terminkalender hat und sich Listen macht, was noch zu erledigen ist. Das Unglaubliche an den Deutschen ist, dass man sogar einen Termin abmacht, wenn man sich mit seinen eigenen Freunden treffen will! Ich frage mich, was passieren würde, wenn jemand aus einer spontanen Laune heraus bei seinen Freunden vorbeischauen würde, ohne jede Rücksicht auf den allgegenwärtigen und omnipotenten Terminkalender?
Und wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, pünktlich irgendwo zu erscheinen, sehe ich, wie sie den Blick nach oben richten, zum “Himmel”, wie manche sagen (mich amüsiert, dass sie ein und dasselbe Wort für „sky“ und „heaven“ haben) . Jeder hat seine eigene Theorie darüber, wie das Wetter an dem Tag werden soll. Ich glaube, die meisten möchten einander die Gewissheit geben, dass der Tag bestimmt schön wird, was gleichbedeutend mit „heiß“ ist. Und wenn dann die Sonne hervorkommt und alle genüsslich dreinblicken, dann denke ich mit einem leisen Lächeln an meine Stadt, und schäme mich ein wenig ob der Flüche, die wir diesem riesigen Feuerball zollen, der uns das ganze Jahr das Leben schwer macht. Dann überkommen mich Gefühle der Sympathie für die Sonne und im Stillen danke ich den Deutschen: zumindest hier wird sie willkommen geheißen.
Beim Wetter denken wir in Mumbai irgendwie nicht von Tag zu Tag, wahrscheinlich weil wir unser Wetter meist in großen Portionen serviert bekommen – mehrere Monate anhaltende und erschlagende Hitze, gefolgt von monatelangem Regen, dann trockene Hitze, die sich im Laufe der folgenden Monate allmählich abkühlt, bevor die Hitze wieder beginnt. Dazwischen erleben wir, wenn es uns vergönnt ist, eine Art Winter. Sonst ist es fast immer heiß oder sehr heiß.
Ich bin seit zwei Wochen hier und habe scheinbar schon fast alle Wetterlagen erlebt. Der Tag meiner Ankunft war der kälteste seit ungefähr sechs Wochen. Vor meiner Abreise hatte ich mir den Wetterbericht angeschaut, der für den Tag meiner Ankunft einen Temperaturrückgang vorhersagte. Überraschenderweise stimmte das. Überraschend deshalb, weil die Wettervorhersagen in Mumbai eher einem Herumgerate auf hohem Niveau gleichen und fast immer daneben liegen.
In meiner Zeit hier war es an einigen Tagen warm, an anderen kalt und regnerisch. Die Wetterumschwünge treffen mich fast immer unvorbereitet. So war ich an Regentagen ohne Schirm unterwegs, an kalten Tagen zu luftig angezogen und an warmen Tagen mit einer dicken Jacke gewappnet. Ich versuche immer noch, mir die Grundlagen anzueignen, wie man den Himmel liest.
Doch der Regen ist hier ganz anders. Er ist leichter und fällt, wann er will, mit Hagel und allem Drum und Dran. Jetzt höre ich, dass es in Mumbai geregnet hat – und vermisse diesen besonderen feuchtwarmen Duft, der aufsteigt, wenn die allerersten Regenschauer die ausgedorrte Erde tränken.
veröffentlicht am 30. Mai 2011 in den Stuttgarter Nachrichten.
Übersetzt von Angela Selter