Leipzig

Leipzig, 30.9.2010: Aus dem Herzen von Bachs Nachfahren

 © Nachfahrin von Johann Sebastian Bach: Katharina von Colson © Foto: AmornviputpanichLVZ-Gastredakteurin aus Thailand begibt sich auf die Spuren des großen Leipziger Komponisten.

Als ich erfuhr, dass ich nach Leipzig, in die Stadt Johann Sebastian Bachs, fahren werde, fing ich ernsthaft damit an, mich mit klassischer Musik auseinanderzusetzen. Wie die meisten meiner Landsleute höre ich diese sonst kaum. Viele Menschen in Thailand lehnen diese Musik sogar ab und betrachten sie als eine „elitäre Musik“, für die man – so sagt man bei uns – eine Leiter braucht, um Zugang zu ihr zu bekommen.

Die Box „Signature Classics“ mit ihren fünf CDs, auf der ein Bildnis von Bach mit Notenblättern in der Hand abgebildet ist, steht repräsentativ auf meinem Schreibtisch. Ein guter Freund in Thailand, der ein Musikstudio besitzt, klärte mich einst auf, dass die klassische Musik am besten in einer niedrigen Lautstärke zu hören sei, also so wie wenn die Musik von Ferne zu hören wäre. Im Moment herrscht nun in meiner kleinen Wohnung in der Nürnberger Straße eine musikalische Stimmung wie zu Lebzeiten von Bach im 17. Jahrhundert. „Martin, weißt du, dass Bach 20 Kinder hatte?“, fragte ich meinen deutschen Kollegen. „Ja, und?“ Martin antwortete ein wenig verwirrt. Ich bat ihn, mir bei der Suche nach Bachs Nachkommen zu helfen. Auch wenn mir in diesem Leben die Ehre nicht zuteil wird, ein Interview mit Bach zu führen, wäre es für mich schon eine spannende Sache, mit seinen Nachfahren sprechen zu dürfen.

Im Alter von 17 Jahren heiratete Bach Maria Barbara. Mit ihr hatte er sieben Kinder. Nach Marias Tod heiratete Bach im Jahr 1721 die Musikerin Anna Magdalena Wilcken. Aus dieser Ehe gingen 13 weitere Kinder hervor. Ich war überzeugt, dass es nicht schwierig sein dürfte, Bachs Nachkommen ausfindig zu machen. Schließlich hatte der Komponist 20 Kinder, und nicht bloß zwei oder drei. Einige Tage später kam Martin strahlend zu mir und überbrachte mir die schöne Nachricht, dass er zwei von Bachs Nachkommen gefunden hatte – nämlich Ulrike von Colson und deren Tochter Katharina von Colson. Ulrike arbeitet als selbstständige Buchhalterin und lebt in Schwerte, während ihre Tochter Katharina momentan am Birmingham Conservatoire in Großbritannien studiert. Beide kommen nur selten nach Leipzig. An Bachs Geburtstag trifft sich die Familie zwar öfter, doch nicht in Leipzig, sondern in dessen Geburtsort Eisenach.

Auf die Frage, wie man sich als Nachfahre eines weltberühmten Genies fühlt, antworteten die beiden Frauen gleichermaßen, dass sie darauf stolz sind. Innerhalb der Familie weiß jeder, wo welche Nachfahren von Bach leben. Jedoch wissen die Menschen in ihrer Umgebung nicht immer, dass sie mit dem berühmten Komponisten verwandt sind.

Katharina, die Viola studiert, empfindet ihre Verwandtschaft mit dem weltbekannten Komponisten ab und an als eine Belastung, weil alle, die davon wissen, sehr hohe Erwartungen an sie haben. Auch wenn diese manchmal eine schwere Last sein können, ist die Musikstudentin stolz darauf, zu dieser Familie zu gehören. Sie betreibt ihr Musikstudium ernsthaft und zielstrebig, damit sie eines Tages einen Zugang zur musikalischen Genialität ihres Vorfahren Johann Sebastian Bach haben wird.

Punnee Amornviputpanich
veröffentlicht am 30. September 2010 in der Leipziger Volkszeitung.

Aus dem Thailändischen übersetzt von Dr. Chalit Durongphan.

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