Jakarta, 11.2.2011: Die mobile Nation

Ve Handojo läuft durch ein Einkaufszentrum in Jakarta, vorbei an einem Louis-Vuitton-Laden. Er twittert: „Nur weil du eine Hose von LV trägst, muss dein Polo-Shirt nicht in deiner Hose stecken.“ Er weiß, es ist banal, aber es passt in 140 Zeichen und macht Spaß. Es ist erst 10 Uhr, er setzt sich in ein Café und twittert: „Wer wirklich seinen Träumen folgen will, schläft einfach länger.“
Indonesien ist das Land der Welt, in dem die mobile Kommunikation die wachsende Mittelschicht vollkommen verändert hat. Das südostasia-
tische Land ist weltweit führend im Twittern. Rund 21 Prozent aller Einwohner über dem Alter von 15 Jahren haben einen Account. In den USA sind es rund zehn Prozent. Wer durch die Straßen Jakartas oder deren klimatisierte Einkaufspassagen läuft, sieht überall Menschen auf die Displays ihrer Mobiltelefone starren oder Nachrichten tippen. In der 14-Millionen-Einwohner-Stadt, die vom Stau geplagt ist, sind die Geräte Zeitvertreib. Aber vor allem sind sie eine Möglichkeit, ständig mit Freunden zu reden.
Filmproduzent Ve Handojo (36) ist einer der fleißigsten Twitterer. Rund 8000 Menschen folgen seinen Nachrichten. Doch nicht die Menge seiner „Follower“ ist entscheidend, sondern wer darunter ist, nämlich Islamwissenschaftler, Menschenrechtsaktivisten, Stars, Journalisten und immer mehr Politiker. Bisher hat er 28 000 Tweets verfasst, täglich 50 bis 100 verschickt. „Twitter ist einerseits meine Hauptnachrichtenquelle“, sagt Handojo. „Ich lese hier Klatsch-, Kultur- bis zu Politiknachrichten am schnellsten.“ Er leitet dann die Nachrichten weiter und lässt so gut wie nichts unkommentiert. „Vor allem dann, wenn ich mich mal wieder negativ über Politiker äußere, steigt die Zahl meiner Follower.“
Doch Twitter trifft in Indonesien auch auf eine Besonderheit der Einwohner: Es ist unüblich irgendetwas allein zu tun. Wer allein reist, hört mitleidige Kommentare, ob man denn gar keine Freunde habe. Gleichzeitig ist mit rund 1026 Einwohnern pro Quadratkilometer die Insel Java einer der am dichtest besiedelten Flecken der Erde.
Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter sind schon allein deshalb so erfolgreich, weil die Menschen seit Jahrzehnten gewohnt sind, voreinander keine Geheimnisse zu haben. Alle Javaner arbeiten immer an ihrem Präsentationsmodell. Am besten geht das bei Twitter und Facebook. Vor allem diese beiden haben sich durchgesetzt.
Ein weiterer Grund für die exzessive Nutzung ist die Verbreitung von Geräten. „Indonesien hat eine technische Stufe übersprungen“, sagt Unternehmensberater Arif Hasyim. „Fast niemand in Indonesien hatte ein Festnetztelefon und damit Zugang zum Internet, als es vor 13 Jahren populär wurde.“ Aber jetzt, wo sich jeder ein Mobiltelefon leisten könne und die Verbindung in den Städten stabil sei, nutzten alle das mobile Internet. Telefone, die das können, kosten nur 20 Euro. Ein Blackberry ist für 150 Euro zu haben.
Als 2009 Bomben im Hotel Ritz Carlton und im Hotel Marriott in Jakarta explodierte, war innerhalb von Sekunden die Nachricht über Twitter verbreitet. Handojo startete am gleichen Tag die Twitter-Aktion „IndonesiaUnite“, bei der er alle aufforderte, sich gegen Terrorismus und Islamismus zu stellen. Hunderttausende schlossen sich an. Die Bewegung schaffte es bis in die BBC-Hauptnachrichten.
Dass diese Offenheit zum Problem werden kann, mussten schon bekannte Personen lernen. Die Tochter des Ex-Verkehrsministers twitterte kürzlich, wie genervt sie vom Stau in Jakarta sei. Tausende von Einwohnern antworteten, dass ihr Vater mit Schuld an dem Problem sei. Der Vater musste sich für seine Tochter entschuldigen.
Der Bürgermeister von Jakarta, Fauzi Bowo, benutzt seinen Twitter-Account, um ein Feedback der Einwohner zu bekommen, auch wenn das meist negativ ist. „Ich habe einmal 45 bekannte Twitterer eingeladen, um mit ihnen über die Probleme der Stadt zu diskutieren“, sagt er „Welt Kompakt“. Er wollte sich so der technikaffinen, jungen Bevölkerung annähern. „Leider haben sie keine Geduld für einen Text der länger als 140 Zeichen ist.“
Ve Handojo sieht das anders. Wenn er länger in dem Cafe sitzt, zieht auch er ein Buch aus der Tasche, gerade übrigens Marquis de Sades „Juliette“. Auch darüber twittert er gern. Doch meist kommt dann eine Freundin vorbei, die gerade in der Nähe ist. Zum Beispiel Soelastri. Sie habe bei Twitter gelesen, dass er hier sei und wollte ihn treffen. Sie setzt sich, schließt ihren Blackberry sofort an eine Steckdose an, die in vielen Cafés Jakartas neben den Sitzplätzen angebracht sind, und legt daneben noch zwei weitere Telefone. „Eins ist das private“, sagt die 41-Jährige, „das zweite das dienstliche und das dritte ist für den Fall, dass eines der ersten beiden nicht mehr genug Energie hat.“ Bei zwei Geräten blinkt ein rotes Lämpchen, offenbar gibt es neue Nachrichten. „Ich kümmere mich darum, wenn ich im Stau stehe, oder sobald Ve sein Gerät wieder in die Hand nimmt.“ Alles andere sei auch in Indonesien unhöflich.
veröffentlicht am 11. Februar 2011 in DIE WELT.