Jakarta

Jakarta, 13.12.2010: Ein Bett im Kino

 © In Indonesien können Verliebte einen Film ganz besonders innig genießen.

Harry Potter und Lord Voldemort richten ihre Zauberstäbe aufeinander, und der letzte große Kampf beginnt. In Jakartas luxuriösestem Kinosaal zieht sich ein junges Mädchen die lilafarbene Decke über den Kopf und kuschelt sich an ihren Freund. Das gibt es nur in Jakarta, seit die Kinokette Blitz Megaplex ihre „Velvet Lounge“ eröffnet hat. In diesem Kinosaal stehen statt der Sitze 20 Betten – immer fünf nebeneinander in vier Reihen. Sie alle sind mit schwarzem Lederimitat bezogen, haben sechs Kissen und zwei lilafarbene Wolldecken.

Die Bewohner von Jakarta sind verrückt nach Filmen. Sobald der neue „Twilight“ oder „Spiderman“ in die Kinos kommt, stehen sie schon morgens Schlange, um an eine Karte für eine Abendvorstellung zu kommen. Obwohl auf der Straße gleichzeitig die Raubkopien verkauft werden, hält das die Einwohner nicht ab, Geld für eine Kinokarte zu bezahlen. Um das Kinoerlebnis noch attraktiver zu machen, kam Blitz auf die Idee mit der „Velvet Lounge“, und seitdem ist fast jede Vorstellung im „Bettensaal“ ausverkauft. Meist laufen leichte Liebesfilme. Das Ticket für ein Doppelbett kostet umgerechnet 22 Euro, rund das Fünffache vom Normalpreis für zwei Personen.

Den Betreibern ist bewusst, dass sie damit noch in eine zweite Marktlücke vorstoßen. Es gibt in Indonesien, dem größten muslimischen Land der Welt, keinen zweiten öffentlichen Ort, der so viel Privatsphäre bietet. Doch auch die ist nur virtuell: Zwar gibt es zwischen den lila Betten kleine Trennwände, aber bevor der Film beginnt, werden die Zuschauer darauf hingewiesen, dass während der Vorstellung Deckenkameras auf sie gerichtet sind. Und es soll schon vorgekommen sein, dass die freundlichen Platzanweiserinnen Paare des Saals verwiesen haben. Immerhin: In der „Velvet Lounge“ entfällt das vorgetäuschte Gähnen und Strecken, bevor man den Arm um sein Date legen darf.

Sören Kittel
veröffentlicht am 13. Dezember 2010 in DIE WELT.

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