Jakarta

Jakarta, 29.11.2010: Ibu Ulla und ihre Waldmenschen

 © Ibu Ulla, Sören Kittel, Orang Utan © Foto: Sören Kittel Eine 90-jährige Deutsche lebt im Zoo von Jakarta. Seit mehr als vier Jahrzehnten kümmert sich dort Ulrike von Mengden um die Orang-Utans.

Wenn Ulrike von Mengden am Nachmittag von ihrem zweiten Rundgang durch den Zoo nach Hause kommt, wird sie immer von einem Orang-Utan empfangen. Der rotbraune Affe hebt die Arme, kommt langsam auf sie zu und berührt sie vorsichtig am Arm. Er fiept leise. Orang- Utans tun das, wenn es ihnen besonders gut geht. Der Affe schüttelt zaghaft ihre Hand, als ob er weiß, dass er vorsichtig mit der 90 Jahre alten Dame umgehen muss. Sie streichelt dem Orang-Utan über die Wange, der Orang-Utan streichelt zurück. Sie sagt wie zu sich selbst: „Man muss ihnen immer auf Augenhöhe begegnen, sich nicht dominant benehmen.“ Dann singt sie leise für den Orang-Utan ein Fantasie-Begrüßungslied: „Liebeliebelei, Liebeliebelei.“

Freifrau Ulrike von Mengden ist die inoffizielle Hüterin der Orang-Utans im Jakarta- Zoo „Ragunan“. Inoffiziell deshalb, weil die gebürtige Preußin von niemandem dafür bezahlt wird. Dafür wohnt sie, ohne Miete zu zahlen, seit mehr als 40 Jahren in einem Haus mitten im Zoo. Außer Hausangestellten und Nachwächtern ist es niemandem erlaubt, innerhalb dieser Mauern zu wohnen. Aber die Witwe eines deutschen Diplomaten kümmert sich eben schon ihr halbes Leben um die „Vorfahren des Menschen“, wie sie die Orang- Utans konsequent bezeichnet.

Insgesamt hat sie 38 Kinder

Im Zoo nennt man Ulrike von Mengden nur „Ibu Ulla“. Ibu bedeutet Mutter. Insgesamt hat sie 38 Kinder, ihre Orang- Utans. Sie füttert sie täglich mindestens zweimal, kontrolliert die Renovierung des Freilaufgeheges, lässt die Wände streichen, die Käfigtüren reparieren. Früh um neun beginnt ihr erster Rundgang. Sie begrüßt jedes Tier, streichelt, gibt ihnen Früchte und Gemüse. „Nur Bananen nicht, die werfen sie inzwischen immer wieder zurück.“ Zuerst Ratna aus Sumatra, die sie an dem etwas helleren Fell erkennt. Dann Saima, die sich gern vor Besuchern versteckt. Sie geht von Käfig zu Käfig und sagt, dass die meisten Namen der Orang-Utans etwas vom Zeitpunkt ihrer Geburt erzählen: Pascal wurde an Ostern geboren, Imlek am Tag des chinesischen Neujahrs und Vulkana in der Zeit, als gerade in Europa die Aschewolke die Nachrichten beherrschte.

Als sie zum Käfig von Budi kommt, hält sie etwas Abstand. „Der ist ein bisschen seltsam“, sagt sie. Der große Affe rüttelt am Käfig und spuckt. Das muss mit der Käfigsituation zu tun haben. Sie seufzt. Sie sehe ihn lieber in der Freiheit in Borneo. Daneben ist der Käfig des größten und schwersten unter ihren Kindern. Douglas ist schon einmal ausgebrochen. Er riss einfach das tonnenschwere Tor aus den Angeln. „Am nächsten Morgen saß er vor seinem Käfig und schaute, als wolle er sagen: Na, was macht ihr jetzt?“ Orang-Utans sind sieben Mal so kräftig wie ein Mensch.

Schon allein deswegen muss Ulrike von Mengden vorsichtig sein. Einer der Affen hat ihr vor zehn Jahren durch die Käfigtür hindurch an den Beinen gezogen. Das Ergebnis war ein verstauchter Fuß und eine geschwollene Schulter. Kurz darauf brach sie sich das zweite Bein bei einem ihrer Rundgänge, die Wege sind bei Regen sehr glatt. Ibu Ulla konnte den Tieren noch nie böse sein. Sie haben ihr schon alle Bücher aus den Regalen auf dem Boden verteilt, ihre Hautcreme gegessen und die ganze Wohnung mit Toilettenpapier verwüstet. Inzwischen bleibt sie ruhig.

Sie fand zum Beispiel heraus, dass den Affen besonders Yakult gut schmeckt, ein japanisches probiotisches Getränk aus dem Supermarkt. Das soll eigentlich Menschen bei der Verdauung helfen, aber besonders Obama, das jüngste Affenkind von Ibu Ulla, nimmt die Flasche in die Hand und schlürft sie in einem Schluck aus. Obama wurde am Tag der Inauguration des US-Präsidenten geboren.

Überhaupt hat sie herausgefunden, dass der Stoffwechsel von Orang-Utans dem der Menschen sehr ähnlich ist. Vor einigen Jahren waren Budi und Sukarna vom Strongyloides-Parasiten befallen, beide bekamen Durchfall. Ibu Ulla erinnerte sich, dass es in ihrer Kindheit in Ostpreußen ein probates Mittel gegen Magenverstimmung gab: Sauerkraut. Sie bestellte eine Ladung Sauerkraut und testete sie aus, ging dabei fast wissenschaftlich vor. Budi gab sie das deutsche Traditionsgericht, Sukarna nicht. Die gelernte medizinisch-technische Assistentin wurde zur Affenwissenschaftlerin – mit Erfolg. Bei der Sauerkraut-Gruppe ging die Krankheit zurück und tauchte nicht wieder auf. Inzwischen haben andere Hilfsstationen für Orang-Utans dieses „Heilmittel“ übernommen.

Für ihre Arbeit mit den Tieren wurde ihr das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen, sie gewann mehrere Umweltpreise, am Eingang des Zoos steht eine Bronzestatue von ihr. Die gefällt ihr nicht, sie will nicht verehrt werden, sie will lieber, dass auch bei Indonesiern endlich die Tierliebe ausbricht, die sie vor 60 Jahren in Jakarta gehalten hat. „Leider interessieren sich Indonesier noch zu wenig für ihre wertvollen Vorfahren“, sagt sie.

Auch die großen Denker und Politiker gingen bei ihr ein und aus. „Sukarno war ein sehr charismatischer Mann“, sagt sie über den indonesischen Staatsgründer und ersten Präsidenten, nach dem sie auch das Affenbaby Sukarna benannt hat. „Wenn Sukarno geredet hat, dann mussten ihm alle zuhören, das ist ähnlich wie mit Obama heute.“ Der erste Präsident verstand Deutsch, genau wie die Präsidenten Jusuf Habibie und Abdurrahman Wahid. Sie hat sie alle getroffen. Sie hat einmal überlegt, ein Buch zu schreiben, aber das müsste ein sehr dickes Buch sein. Von Affen und Menschen.

Der Affe fiepte vor Freude

Wenn sie über Politik redet, kann sie laut werden. Ihr sonst so zierlicher Körper beugt sich dann nach vorn, als wollte sie mit der Hand auf den Tisch hauen. Aber diese Kraft haben ihre Arme nicht mehr. „Meine Wut hält mich gesund“, sagt sie. Meistens umgebe sie sich „nur mit netten Waldmenschen, den Orang-Utans“.

Noch immer wird Ibu Ulla überrascht von Situationen, die zeigen, wie ähnlich sich Mensch und Affe sind. Zum Abschied erzählt sie eine Geschichte, die vor rund einem Jahr passiert ist, als eine Familie aus Deutschland zu Besuch kam. Die Eltern hatten ein Kind mit Downsyndrom. Auch unter ihren Schützlingen war damals ein Affe mit dieser genetischen Veranlagung. Als sich Kind und Affe sahen, fielen sie einander wortlos in die Arme und lachten. Der Orang-Utan fiepte vor Freude. Wie die Tiere es nur tun, wenn es ihnen sehr gut geht.

Sören Kittel
veröffentlicht am 29. November 2010 in der Berliner Morgenpost.

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